
Wie sich die Hochschullehre an die dominante Stellung von SAP in der Unternehmenspraxis anpasst – und welche Karrierechancen sich daraus ergeben. Im Gespräch mit Professor Alexander Baumeister von der Universität des Saarlandes
Die SAP-ERP-Landschaft hat sich längst zum Standard in der deutschen Unternehmenswelt entwickelt. Was bedeutet das für die universitäre Ausbildung? Und wie bereiten Hochschulen ihre Studierenden auf eine Karriere in der SAP-Beratung vor? Professor Alexander Baumeister von der Universität des Saarlandes gibt Einblicke in die Herausforderungen und Chancen einer praxisnahen SAP-Ausbildung – und erklärt, warum Controller von morgen mehr als nur Zahlenversteher sein müssen.
Die Zeiten, in denen Controlling eine reine Back-Office-Funktion war, sind längst vorbei. Heute agieren Controller als Business Partner des Managements und übernehmen zunehmend beratende Funktionen. Diese Entwicklung spiegelt sich auch in der universitären Ausbildung wider: An der Universität des Saarlandes gehört die Managementberatung bereits seit Jahren zum festen Bestandteil der Controllingausbildung. Doch wie gelingt der Spagat zwischen theoretischer Fundierung und praktischer Anwendung?
Herr Professor Baumeister, welchen Bezug hat Ihr Lehrstuhl konkret zum Thema SAP-Beratung und wie bereiten Sie Ihre Studierenden auf berufliche Chancen in dem Kontext vor?
Controller werden in der Praxis zunehmend als Business Partner des Managements gesehen – die Managementberatung ist daher eine wichtige Teilfunktion des Controllings und gehört zur universitären Controllingausbildung unserer Studierenden. Während mit unseren klassischen Lehrveranstaltungen die methodischen Grundlagen für die spätere berufliche Tätigkeit im Controlling gelegt werden, rundet ein ganzer Kranz von SAP-Veranstaltungen mögliche Einsatzfelder unserer Studierenden in der SAP-Anwendung oder -Beratung ab.
Dieses ergänzende Lehrangebot halten wir für den späteren beruflichen Erfolg unserer Absolventen für sehr wichtig, da die SAP-ERP-Landschaft in der Praxis mittlerweile dominiert. So bieten wir schon seit mehr als 15 Jahren durchgängig die Veranstaltung „Controlling mit SAP ERP“ oder nun „Controlling mit SAP S/4HANA“ an. Über viele Jahre boten wir in Kooperation mit der SAP University auch stark nachgefragte SAP-Zertifizierungskurse an, zuletzt zum „SAP Certified Application Associate – Business Process Integration with SAP S4/HANA“, leider will die SAP SE diese Kooperation mit vielen deutschen Hochschulen aber wohl ab diesem Sommersemester nicht mehr fortsetzen.
Wir integrieren daneben auch zwei Lehrveranstaltungen in unser Programm, die in Kooperation mit SAP-Praktikern gehalten werden, einmal zu aktuellen SAP-Themen aus der Praxis und einmal zu Grundlagen der Digitalisierung. Schließlich bieten wir je nach Kapazität auch Spezialveranstaltungen an, etwa das Planspiel SAP ERPsim oder früher zur Mittelstandslösung SAP Business ByDesign. In allen Veranstaltungen ist uns eine methodisch fundierte, aber dennoch anwendungsnahme Wissensvermittlung wichtig – wir arbeiten daher viel mit Fallstudien und haben dazu auch mehrere Lehrbücher entwickelt.
Von der Uni in die Beratung: Welche Karrierewege SAP-Experten offenstehen
Wie sehen Sie mittel- und langfristig die Karrieremöglichkeiten im Bereich der SAP-Beratung – und warum sehen Sie diese so?
Auch wenn SAP-Berater sich im Tagesgeschäft im Zeitablauf auf bestimmte Beratungsbereich spezialisieren, führt doch der integrative Charakter der ERP-Lösung dazu, dass sie zwangsläufig mit vielen verschiedenen betrieblichen Funktionalbereichen in Kontakt kommen. Dies korrespondiert gut mit der auch im Controlling gegebenen Schnittstellenfunktion, die es offen für zahlreiche spätere Anwendungsfelder macht.
Insofern liegt für die eigene Karriereplanung einerseits der Aufstieg in der Beratungsgesellschaft nahe – gegebenenfalls verbunden, aber nicht zwangsläufig mit einer zunehmenden Spezialisierung auf einen bestimmten Beratungsbereich – oder der Wechsel von der Berater- auf die Anwenderrolle in einem anderen Unternehmen. Letzteres würde – falls man sich wirklich für einen Perspektivenwechsel entscheiden sollte – leicht fallen, da die betriebliche Praxis Mitarbeiter mit fundierten SAP-Kenntnissen händeringend sucht.
Analysiert man Stellenausschreibungen für den Controllingbereich stellt man fest, dass SAP-Kenntnisse ganz oben in der erwarteten Skill-Liste stehen. Entsprechend froh sind wir daher auch, dass unsere Absolventen mit diesem Lehrkonzept auf dem Arbeitsmarkt sehr gefragt sind und ihnen ein vielversprechender Karriereweg offensteht.
Wie schätzen Sie die zukünftige Bedeutung hybrider IT-Infrastrukturen im Kontext der SAP-Beratung ein, insbesondere vor dem Hintergrund der SAP-eigenen Cloud-Strategie?
Aufgrund der hohen Flexibilität, die hybride IT-Infrastruktur mit sich bringt, ihrer guten Möglichkeit zur Skalierung und Kostenoptimierung sowie Vorteilen bei der Sicherheit und Compliance-Aspekten wird sie in Zukunft sicher zunehmend bedeutsamer. Dies gilt umso mehr, als dass sie auch den Anbietern neue Arten von Erlösmodellen eröffnet und sie daher diesen Weg sicher ausbauen wollen – als Stichwort seien hier z. B. die verschiedenen as-a-Service (aaS)-Konzepte genannt. Entsprechend muss sich auch die Beratung auf hybride IT-Infrastruktur einstellen; eine vorgelagerte strategische Frage besteht bereits darin, Kunden bei der Auswahl und Gestaltung der für sie passenden IT-Infrastruktur zu beraten.
Welche Implikationen ergeben sich aus der immer enger werdenden Verzahnung von Beratung und Technologieentwicklung für die Ausbildung von SAP-Expert:innen?
Natürlich gehen Änderungen, die beispielsweise die Digitalisierung – sei es durch veränderte Geschäftsprozesse, Geschäftsmodelle oder beides zugleich – oder veränderte Innovationsprozesse mit sich bringen, in die Gestaltung der Lehrinhalte mit ein, da universitäre BWL-Ausbildung zwar methodisch fundiert sein soll, aber eben auch Anwendungsbezug hat.
Wichtig ist es aus meiner Sicht aber, den Studierenden weniger die fertige Lösung für eine konkrete Situation, die sich leicht ändern kann, mit auf den Weg zu geben, sondern ein Verständnis für die Analyse der Anforderungsbedingungen, methodische Sicherheit sowie einen kreativen, flexiblen Blick für mögliche Lösungskonstellationen. Insofern ist es auch nicht von Nachteil, wenn wir – wie die meisten anderen Hochschulen ja auch nicht – keine spezifische Beratungsausbildung aufweisen, sondern Absolventen, die in die (SAP-)Beratungsbranche streben, die Fähigkeit vermitteln, aus dem relevanten Tool-Set die jeweils passenden Instrumente für die Lösung einer Vielzahl verschiedener Aufgaben in der Praxis auszuwählen.
Hier werden eingefleischte SAP-Berater sicher bestätigen können, dass natürlich zu einem gewissen Anteil vergleichbare und damit zunehmend zum Standard werdende Probleme auftauchen, aber auch bei scheinbar vergleichbaren Mandaten und Ausgangskonstellationen stark unterschiedliche Lösungsimpulse gefragt sein können. Eine flexible, methodisch fundierte Brille ist daher die beste Vorbereitung auf Änderungen der Anwendungsinhalte.
Die Soft Skills nicht vergessen: Warum technisches Know-how allein nicht reicht
Welche innovativen Lehrmethoden und -konzepte benutzt Ihr Lehrstuhl, um den praktischen Umgang mit ERP-Systemen und deren Marktveränderungen effektiv zu vermitteln?
Wie schon angedeutet, boten wir bislang Zertifizierungskurse an, bei der nur die Lehre, nicht aber die Zertifizierung durch uns durchgeführt wurde. Die Zertifizierung selbst sowie die Kursinhalte stammten aus dem Hause der SAP SE über die SAP University Alliances, so dass allein daher eine gewisse Marktorientierung zu erwarten ist. Unsere beiden Veranstaltungen in Kooperation mit SAP-Praktikern und z. B. der Möglichkeit, als Studierender in den SAP-Standort Walldorf ganztägig hineinzuschnuppern, zeugen ebenfalls von hoher Anwendungsorientierung.
Daneben haben wir gerade neu eine Lehrveranstaltung gestartet, die zwar nicht ausschließlich auf SAP, sondern generell auf Business-Analytics-Fragestellungen fokussiert, bei der die Studierenden Lösungen zu konkreten Problemstellungen mit Praxisdaten im Team erarbeiten, sich gegenseitig in einer Art Peer Review bewerten und vor einer mit Praktikern besetzten Jury vortragen und verteidigen mussten. Wir wollen damit nicht nur die methodische Wissensvermittlung voranbringen, sondern auch – nicht nur im Beratungsalltag – zunehmend wichtige Soft-Skill-Fähigkeiten wie Teamfähigkeit, Überzeugungsleistung oder Konfliktlösungsfähigkeit trainieren.

Baumeister wurde bereits mit zahlreichen Preisen für seine Forschung und Lehre ausgezeichnet, u. a.: Lehrpreis des Landes Baden-Württemberg (1997), 1. Preis des Südwestbank-Preises (2002), 2. Preis des ACATIS Value-Preises (2003), Siemens Best Paper Practice Award (2007), IGI Global’s Fourth Annual Exellence in Research Journal Award (2011), ICISER24 Best Paper Runner-Up Award und zuletzt T4EU Teaching Qualification Certificate (2025).