Consulting und Purpose

Profit als Selbstzweck? Schnee von gestern. Foto von Markus Spiske auf Pexels

Profit als Selbstzweck? Schnee von gestern. Foto von Markus Spiske auf Pexels

Die Suche nach dem Sinn: Daniel Nerlich von Odgers Berndtson Deutschland über das Thema “Purpose”

Welchem Zweck dienen Unternehmen eigentlich, welche Bestimmung haben sie? Immer stärker kommt bei Unternehmensberatungen die Beschäftigung mit dem Thema „Purpose“ auf. Berater möchten zunehmend ihren Teil dazu beitragen, dass die Welt eine bessere wird – und das ist gut so. Ein Gastbeitrag von Daniel Nerlich, Managing Partner von Odgers Berndtson Deutschland.

Unternehmensberatungen verfolgen vielfältige Projektziele: Mal geht es um Prozessoptimierung, mal hilft man bei der Einführung einer IT-Applikation, in anderen Fällen steigert man den Unternehmenswert des Kunden, indem kluge Strategien entwickelt werden. Unabhängig von der Ausrichtung der Beratungstätigkeit steht üblicherweise stets der betreffende Firmenkunde im Zentrum. Im weiteren Sinne war es lange Zeit der Shareholder Value des Kunden, den es zu maximieren galt. In den vergangenen Jahrzehnten kam jedoch zunehmend Kritik am Shareholder-Value-Konzept auf. Die damit verbundenen Anreize für das Management können zu Kurzfristdenken führen und externe Stakeholder außer Acht lassen.

An die Stelle des Shareholder Values rückte der Stakeholder Value: Unternehmen können nur dann erfolgreich sein, wenn sie es schaffen, wirtschaftliche Interessen mit jenen der Belegschaft, der Umwelt oder der Gesellschaft auszubalancieren. Zunehmend wird durch die informierte Kundschaft hinterfragt, ob sich Firmen an Regeln halten, durch die beispielsweise Umweltverschmutzung oder die Ausbeutung der Mitarbeiter vermieden und Diversity gewährleistet werden kann. Heute haben sich deshalb viele Unternehmen Ethikkodizes auferlegt, mit denen man den eigenen Mitarbeitern, aber auch der Öffentlichkeit auch aufzeigen möchte, dass man sich „an die Spielregeln hält“. Dies geht so weit, dass produzierende Unternehmen ihre Zulieferer in die Pflicht nehmen, sich an diesen Kodizes auszurichten.

In diesem Zusammenhang können und wollen Unternehmensberatungen an der Spitze der Bewegung stehen: Zum einen, indem sie selbst der Gesellschaft „etwas zurückgeben“ und die Welt zu einem besseren Ort machen. Zum anderen haben sie „Purpose“ als Servicebaustein entwickelt und helfen damit wiederum ihren Kunden, dieses Thema effektiv umzusetzen.

Vom Wunsch, der Welt zu dienen

Im Gespräch mit Unternehmensberatern, die einen nächsten Karriereschritt tätigen möchten, fällt häufig explizit der Satz: „Ich möchte in meiner nächsten Position Impact und Purpose haben“. Der Kern der Aufgabe soll demnach nicht allein daraus bestehen, einen bescheidenen Beitrag an einer beliebigen Kundeninitiative zu haben, deren Umsetzung am Ende vielleicht sogar scheitert. Vielmehr sollen die Projektinhalte Themen betreffen, die für das Kundenunternehmen und darüber hinaus von Bedeutung sind. Berater und Beraterinnen möchten daran teilhaben, spürbare Veränderungen voranzutreiben. Sie möchten mit ihrer Arbeit etwas bewegen.

„Pro-bono-Projekte“ von Beratungshäusern gibt es schon seit vielen Jahren. Foto von Shelley Pauls auf Pexels

„Pro-bono-Projekte“ von Beratungshäusern gibt es schon seit vielen Jahren. Foto von Shelley Pauls auf Pexels

Das gleiche gilt wiederum für ihre Arbeitgeber, die Unternehmensberatungsgesellschaften. Auch diese haben immer zahlreicher den Anspruch an sich selbst, einem höheren Ziel zu dienen. So gibt es zwar schon lange „Pro-bono-Projekte“, bei denen Consultants beispielsweise beim Brunnenbau in Afrika oder der Entwicklung eines Schulsystems in Sri Lanka helfen. Immer mehr bringt man sich aber auch unentgeltlich mit Analysen und Beratungsleistung in Initiativen mit globaler Bedeutung ein – die starke Präsenz von Unternehmensberatern beim jährlichen Weltwirtschaftsgipfel in Davos ist hier nur als ein Beispiel zu nennen. Eine Weltgemeinschaft, die sich immer komplexer werdenden Fragestellungen ausgesetzt sieht, tut gut daran, professionelle Problemlöser einzubeziehen.

Kreative Beratungsleistung im Sinne des großen Ganzen

Doch neben den beschriebenen Aktivitäten, die man dem Gemeinwohl kostenfrei zur Verfügung stellt, beschäftigen sich Beratungshäuser auch auf klassische, kommerzielle Weise mit dem Thema Purpose. So wurde bereits im Jahr 1995 die Firma BrightHouse gegründet, die sich im Kern mit dem Sinn von Unternehmen befassen wollte. Das Unternehmen rückte im Jahr 2015 stärker in den Fokus, als es von der Top-Managementberatung Boston Consulting Group (BCG) akquiriert wurde. Als kreative Beratung beschäftigen sich die BCG-BrightHouse-Berater damit, den “Purpose” einer Organisation zu ermitteln: Zusammen mit dem Kundenunternehmen formuliert man eine einfache Leitidee, die im Ergebnis Gewinne realisiert, von denen auch der Rest der Welt profitieren kann. Berater mit dieser Ausrichtung verbinden häufig kreative und strategische Arbeit und helfen den Kunden bei der Umsetzung der Konzepte.

Dass die Beschäftigung mit dem Sinn, Unternehmenszweck und dem „großen Ganzen“ nicht nur eine BCG-exklusive Entscheidung ist, kann man daran ersehen, dass es in diesem Zusammenhang weitere Akquisitionen gab. So vermeldete etwa Capgemini erst im Februar 2020, dass man die Firma „Purpose“ – nomen est omen – mit ihren insgesamt 100 Mitarbeitern übernommen habe. Das Team, das kreative, technologieaffine, aber auch konzeptionelle Köpfe umfasst, stößt nun zu Capgemini Invent, wo man den Akzent auf digitale Innovation, Managementberatung und Transformation legt. Wie im Falle von BrightHouse ist auch Purpose im Kern eine Kreativagentur, die nun an eine Unternehmensberatung angedockt wird. Es wird in der Zukunft spannend zu sehen sein, wie sich Beratungen in ihren Leistungen immer vielseitiger aufstellen und dafür interdisziplinäre Teams zusammenstellen.

Ohne pathetisch zu werden, bleibt es im Sinne eines intakten Umweltsystems, des Gemeinwohls und des Weltfriedens zu wünschen, dass sie dabei nicht nur den Purpose suchen, sondern auch Impact finden werden.


Daniel Nerlich, Odgers Berndtson
Daniel Nerlich ist Managing Partner von Odgers Berndtson Deutschland in Frankfurt. Der 41-Jährige ist auf die
Vermittlung von Führungskräften in den Bereichen Consulting, Inhouse-Consulting und Technology spezialisiert.
Nerlich gibt außerdem den Consulting-Monitor heraus, eine jährlich veröffentlichte Studie zur Karriere im Beratungsmarkt.