Ildiko Kreisz, Accenture – „Wir suchen für alle Mitarbeitenden individuelle Lösungen“

Ildiko Kreisz, Accenture

Ildiko Kreisz, Accenture

Personalleiterin Ildiko Kreisz von Accenture im Interview

Die mentale Gesundheit bei Mitarbeitenden wird immer wichtiger. Im Beratungsunternehmen Accenture wird deshalb darauf geachtet, flexiblere Arbeitsmodelle, für ein besseres Zusammenspiel von Arbeit und Privatleben, anzubieten. Individuelle Lösungen für persönliche Bedürfnisse und das freie Entfalten der Mitarbeiter:innen werden dabei unterstützt und gefördert. Ildiko Kreisz spricht außerdem im Interview über individuelle Kenntnisse und Fähigkeiten, die ein größeres Potenzial beinhalten können als ein perfekter Lebenslauf.

Corona hat das Arbeiten verändert. Was bleibt davon, wenn die Pandemie überwunden ist?

Bei Accenture arbeiten wir seit jeher digital und räumlich verteilt. Das hat es uns erleichtert, in der Pandemie sehr schnell in einen komplett digitalen Remote-Arbeitsmodus umzuschalten. Wir haben die Pandemie aber auch genutzt, um eine neue Vision zu entwickeln, wie wir in Zukunft arbeiten möchten. Denn nach zwei Jahren Pandemie gibt es kein einfaches Zurück in die Vor-COVID-19-Zeit. Der Wunsch nach individuellen Arbeitsmodellen und -abläufen, eine hybride Arbeitswelt – das wird unwiderruflich Teil unserer Post-COVID-19-Welt bleiben. Aber auch – und das ist seit der Pandemie wichtiger denn je – das Thema Mental Health. Deshalb haben wir seit kurzem eine Chief Health Officer, die Initiativen zur Verbesserung der Gesundheit und des Wohlbefindens unserer Mitarbeitenden und deren Familien weltweit leitet.

Durch die nur noch eingeschränkten Reisemöglichkeiten hat sich auch die Beratung der Kunden verändert. Wie sehr ist heute die Präsenz vor Ort gewünscht? 

Die Pandemie hat das Bewusstsein und die Akzeptanz für Home Office und Remote-Arbeit in der gesamten Gesellschaft enorm geschärft. Sie hat uns und unseren Kunden gezeigt, dass wir vieles aus der Ferne erledigen und trotzdem ein enger Partner sein können. In manchen Fällen ist eine dezentrale, digitale Arbeitsweise für unsere Kunden sogar von Vorteil. Denn sie erlaubt uns, ihnen die besten Berater:innen für ihre Anforderungen zur Verfügung zu stellen, auch wenn diese nicht immer vor Ort sein können. In das typische Beratungsstereotyp mit vier bis fünf Arbeitstagen pro Woche beim Kunden werden wir nach der Pandemie nicht zurückkehren. Es ist uns wichtig, unseren Mitarbeitenden flexiblere Arbeitsmodelle zu bieten, durch die sich Beruf und Privatleben besser vereinbaren lassen. Dadurch profitieren natürlich alle Beschäftigten, und gleichzeitig entstehen neue berufliche Chancen, beispielsweise für Frauen und Männer mit Kindern oder für Menschen mit Behinderungen, die sich eher nicht in der Beratung gesehen haben. Je nach Kundenwunsch, Projekt sowie persönlichen Bedürfnissen suchen wir für alle Mitarbeitenden individuelle Lösungen bestehend aus Arbeit beim Kunden, zu Hause und in unseren Büros.

„In einer sich schnell wandelnden Welt wie der unseren lernt man das Wichtigste im Beruf“

Ildiko Kreisz

In Job Descriptions wird oft „Technologiekompetenz” gefordert. Was verstehen Sie persönlich darunter und wie wappnet man sich im Studium dafür?

Wir bei Accenture sprechen lieber von Technologie-Affinität statt von -kompetenz. Wir glauben, dass die Studierenden von heute, die im digitalen Zeitalter aufgewachsen sind, bereits über eine hohe technologische Kompetenz verfügen. Diese lässt sich dann im Job mithilfe unserer Trainings- und Förderprogramme für Mitarbeitende, Neu- und Quereinsteiger:innen je nach Bedarf ausbauen. Zudem arbeiten wir bei Accenture häufig in Bereichen, auf die ein Studium ohnehin nur sehr bedingt vorbereiten kann. Berufliche Neugier ist heute das A und O, denn in einer sich schnell wandelnden Welt wie der unseren lernt man das Wichtigste im Beruf. Entscheidend ist für uns daher, dass Talente neben einem hohen Maß an Neugier Interesse an neuen Technologien mitbringen, eine strukturierte Arbeitsweise sowie den Willen und die Fähigkeit, immer wieder Neues zu lernen.

Eine naheliegende Schlussfolgerung einer Entwicklung zu mehr KI-gestützter Datenanalyse wäre, dass Sie als Beratung vor allem in Technologie investieren: Diese lässt sich skalieren und in der Digitalisierung ein erheblicher Know-how-Vorsprung erarbeiten. Warum bleiben Menschen trotzdem in der Beratung elementar?

Technologie und Künstliche Intelligenz allein helfen Unternehmen nicht, zu wachsen und wettbewerbsfähig zu bleiben. Sie sind äußerst nützliche Werkzeuge, die die Beratung bereichern und effizienter machen. Aber um Innovationen zu schaffen, passende Business-Strategien und Prozesse zu entwickeln, Lösungen zu implementieren oder Anwendungen zu programmieren, braucht es immer Menschen, die den Wandel gestalten und Technologie und individuelle Business Cases zusammenbringen. Letztlich wird jede große Veränderung von Menschen angestoßen, den klugen Köpfen, die hinter Innovationen stecken. Entsprechend sind Mitarbeitende und ihre Beratungstätigkeiten das Kernstück unserer Leistung und unverzichtbar.

„Wir legen großen Wert auf ein diverses und integratives Arbeitsumfeld, das die persönlichen Bedürfnisse unserer Mitarbeitenden berücksichtigt“

Ildiko Kreisz

Die demografische Entwicklung sowie sich verändernde Arbeitswelten werden zunehmend zu einem erfolgskritischen Faktor für die Erreichung wirtschaftlicher Ziele. Sie und Ihr Unternehmen haben diese Entwicklung frühzeitig antizipiert. Wie nehmen Sie diese Entwicklung heute wahr und welche Schlussfolgerungen ziehen Sie daraus für Ihre Arbeitsorganisation?

Die wichtigsten Herausforderungen, vor die uns die demografische Entwicklung und sich verändernde Arbeitswelten stellen, sind einerseits Mitarbeitende zu halten und andererseits neue Talente zu gewinnen. Unsere neue Vision, wie wir in Zukunft arbeiten wollen, zahlt stark auf Ersteres ein. Dabei steht die „Employee Experience“ im Zentrum, die eng mit unserer Unternehmenskultur verknüpft ist. Wir legen großen Wert auf ein diverses und integratives Arbeitsumfeld, das die persönlichen Bedürfnisse unserer Mitarbeitenden berücksichtigt, beispielsweise durch hybride Arbeitsmodelle und flexible Arbeitszeiten. Außerdem ist uns bei Accenture ein respekt- und vertrauensvoller Umgang miteinander sehr wichtig. Daneben stehen die Weiterentwicklung und Förderung von Mitarbeitenden im Mittelpunkt sowie ihre Befähigung, einzelne Aufgaben und das Arbeitspensum als Ganzes zu bewältigen. Damit wollen wir ein Arbeitsumfeld schaffen, in dem sich unsere Mitarbeitenden frei entfalten können.
Diese Aspekte spiegeln sich auch im Recruiting wider. Dabei gehen wir heute über verschiedene Formate viel stärker auf Talente zu als früher und haben unsere Auswahlkriterien angepasst. Wir konzentrieren uns mehr auf Erfahrungen, vorhandene Skills, Interessen und benötigte Kompetenzen. Auch Frauen sprechen wir heute gezielter an und fördern sie auf vielfältige Weise. Wir haben zudem herausgefunden, dass bestimmte Schlüsselwörter Frauen bei der Jobsuche tendenziell abhalten und nehmen darauf in den Stellenausschreibungen Rücksicht. Durch all diese Maßnahmen entdecken wir versteckte Talente, die früher durchs Raster gefallen wären.

 

Wir würden Ihnen gerne drei Stichworte dazu geben, mit welchen Inhalten Ihr Haus heute Top-Absolvent:innen überzeugt:

Challenge

Wir suchen keine fertigen Expert:innen, sondern Menschen mit unterschiedlichen Profilen und einem offenen Mindset, die Neues lernen, sich weiterentwickeln und Wandel mitgestalten wollen. Wir arbeiten in vielfältigen Themenfeldern: von der Mobilität der Zukunft, über High-Tech und IT, Handel und Konsumgüter, Energie und Ressourcen bis zu Finanzen und Medizinthemen. Und wir bieten umfassende Trainings, Weiterentwicklungs- und Mentoring-Programme an. Denn wir wollen, dass alle Mitarbeitenden die Chance haben, an ihren Aufgaben zu wachsen und ihr Potenzial auszuschöpfen.

Sinnstiftung

Unsere Aufgabe ist es, am Puls der Zeit zu sein und sogar stets noch zwei Schritte weiter zu denken, um unsere Kunden bestmöglich zu beraten. Dazu braucht es die vielfältigen Talente, Perspektiven und die Kreativität diverser Teams. So eröffnen wir auch unseren Kunden neue Sichtweisen, ermöglichen Wandel und Innovation und unterstützen sie dabei, sich zukunftsorientiert in einer Welt voller rasanter Veränderungen aufzustellen.

Arbeit & Leben

Mit unserer neuen Vision von Arbeit möchten wir unserer Belegschaft eine Arbeitsumgebung bieten, die sich noch besser mit ihren persönlichen Bedürfnissen in Einklang bringen lässt. Dazu gehören flexible Arbeitszeitmodelle, Arbeitszeiten und Möglichkeiten für Home Office oder remote Arbeit. Zudem nutzen wir ein Tool, das es allen Mitarbeitenden erlaubt, drei Dimensionen ihres Arbeitsvertrags selbstständig anzupassen: ihre Arbeitszeit, die Anzahl der Urlaubstage sowie die eigene Reisebereitschaft. Damit räumen wir ihnen mehr Selbstbestimmtheit ein und schaffen ein flexibles, mitarbeiterorientiertes Arbeitsumfeld, das Raum für die persönlichen Bedürfnisse bietet und sich an unterschiedlichste Lebenssituationen anpassen lässt.

Zum Ende noch eine persönliche Frage: Wie hat sich im Laufe Ihres Berufsleben Ihre Sichtweise auf Menschen verändert, was Ihr Potential betrifft?

Ich glaube, dass die Talente von heute genauso viel Potenzial haben wie früher, aber wir konzentrieren uns mittlerweile auf andere Aspekte. Früher hat man jemandem beispielsweise aufgrund eines perfekten Uniabschlusses und Praktikumserfahrung bei einem Top-Unternehmen größeres Potenzial zugeschrieben als jemandem mit durchschnittlichen Noten und weniger beeindruckenden ersten Berufsstationen. Das ist heute anders: die Erfahrungen, individuellen Kenntnisse und Fähigkeiten, die Talente mitbringen, gepaart mit einer ordentlichen Portion Neugier, Lernwillen und -fähigkeit ergeben unter Umständen sogar größeres Potenzial als ein perfekter Lebenslauf. Man muss nur den Blick dafür schärfen.

 


Ildiko Kreisz ist Personalleiterin beim Beratungsunternehmen Accenture und dort zuständig für Deutschland, Österreich und die Schweiz. Nach einem Diplomstudium in BWL stieg sie 1991 als Beraterin im Finanzbereich in das Unternehmen ein und fand nach einem Jahrzehnt über Umwege zur HR. Dort unterstützt sie ambitionierte Pläne: Accenture hat das Ziel ausgerufen, bis zum Jahr 2025 weltweit 50 Prozent aller Stellen insgesamt und 30 Prozent aller Managing Director-Positionen mit Frauen zu besetzen. Zuhause überwiegt die Frauenquote bereits: Ildiko Kreisz wohnt mit Mann, Tochter, Mutter und Katze in einem Mehrgenerationenhaus.