„Wir denken wie Unternehmer”

Dominik Thielmann, Bain & Company

Dominik Thielmann, Bain & Company

Dominik Thielmann ist Partner bei Bain & Company in München

Bain & Company bildet seine Mitarbeiter zu Entrepreneuren mit unternehmerischem Denken und Handeln aus. Das ist unter anderem dem erfolgsabhängigem Beratungsansatz geschuldet. Im Nebeneffekt werden die „Bainies” dadurch zu gefragten Führungskräften in der Wirtschaft. Im Interview erläutert Bain-Partner Dominik Thielmann gegenüber junior//consultant-Chefredakteur Nicolai Haase, wie sich Projektarbeit und Mitarbeitergewinnung bei der Top-Managementberatung gestalten.

Können Sie kurz den Beratungsansatz von Bain & Company beschreiben?

Seit unserer Gründung 1973 haben wir das Motto „We deliver Results, not Reports“. Wir entwickeln gemeinsam mit unseren Kunden Resultate, setzen diese miteinander um und lassen uns daran auch messen. Es ist ein sehr unternehmerischer Beratungsansatz. Wir entwickeln Lösungen für unsere Kunden und denken dabei schon in der Entwicklung der Strategien mit an die Umsetzung. Wir sind bereit, mit ins Risiko zu gehen. Wir koppeln bei Bain & Company unsere Vergütung an den Erfolg des Beratungsprojektes und die Resultate für den Kunden. Das unterscheidet uns von vielen anderen Consultingunternehmen.

Das heißt, wenn ein Projekt erfolgreich ist, dann verdienen Sie auch mehr Beratungshonorar. Funktioniert das gut oder landen Sie auch Flops?

Wir sind mit diesem Beratungsansatz sehr erfolgreich. Etwa 85 Prozent unseres Geschäfts kommt von Kunden, mit denen wir schon einmal gearbeitet haben. Das ist ein deutliches Zeichen. Wichtig ist, vor dem Projekt eine möglichst präzise Zieldefinition mit unseren Kunden zu vereinbaren – und darin sind wir sehr erfahren. Etwa sechzig Prozent unseres Geschäftes hat eine ergebnisabhängige Komponente. Und das wäre nicht der Fall, wenn wir gemeinsam mit unseren Kunden keinen Erfolg hätten. Ich selber empfinde es darüber hinaus auch als fair, genauso wie unser Kunde sowohl im Erfolgs- als auch im Miss erfolgsfall finanziell am Projektausgang beteiligt zu sein. Wir bei Bain denken da wie Unternehmer.

Ist das eigentlich im Vergleich zu anderen Managementberatungen noch ein eher seltener Ansatz oder etabliert sich diese erfolgsabhängige Vergütung zusehends?

Wir waren die erste Beratung, die das so aktiv gemacht hat und sind auch weiterhin in diesem Bereich führend. Ich mache die Beobachtung im Markt, dass sich unsere Wettbewerber deutlich schwerer damit tun, solche erfolgsabhängigen Modelle anzubieten und durchzuführen. Die Kunden fordern diese Art der Risikobeteiligung zunehmend von den Beratungen. Wir sind dort sehr gut aufgestellt.

Bedeutet das denn auch, dass Sie bei der Auswahl Ihres Nachwuchses darauf achten, besonders unternehmerisch denkende Bewerber zu finden?

Wir suchen Kandidatinnen und Kandidaten, die analytisch fit sind, gut Probleme lösen können und eine exzellente akademische Ausbildung haben sowie Intellekt und Neugierde mitbringen. Soviel zur Pflicht. Was wir darüber hinaus als Kür sehen, ist, dass unsere Mitarbeiter in der Lage sein müssen, gut mit unseren Kunden zusammenzuarbeiten. Sie sollten unternehmerisch denken und Leidenschaft in der Sache mitbringen, aber vor allen Dingen auch Pragmatismus und Ergebnisorientierung. Das ist nötig, um nicht nur eine analytisch saubere Lösung zu definieren. Uns ist es lieber, mit dem Kunden gemeinsam eine 80-Prozent-Lösung zu entwickeln, die umgesetzt wird, als eine analytisch brillante 100-Prozent-Lösung, die das Papier nie verlässt, weil sie zu komplex ist – und diesen Pragmatismus sollen unsere Berater auch mitbringen.


Die unternehmerische Ausbildung macht Bain-Mitarbeiter zu sehr gesuchten Führungskräften – sofern sie nicht gleich selbst gründen

Dominik Thielmann, Bain & Company


Ist das eigentlich schwieriger geworden, Mitarbeiter mit genau diesen Eigenschaften zu finden?

Einfacher geworden ist es auf jeden Fall nicht. Der „War for Talents“ wird jedes Jahr ein Stückchen härter. Früher standen wir im Recruitingmarkt im Wettbewerb zu Investmentbanken. Das hat sich aktuell insoweit geändert, dass die ganze Start up-Szene bei Absolventen viel beliebter geworden ist. Wir konkurrieren da, wie unsere Wettbewerber auch, zunächst mal gegen die klassischen Beratungen. Aber auch gegen Industrieunternehmen, die interessante Einstiegspositionen zu bieten haben.

Wenn Sie Ihre Berater so unternehmerisch ausbilden, wie Sie andeuten, sind Sie ja für jemanden, der sich mit dem Gedanken trägt, vielleicht später selber ein Unternehmen zu gründen, ein spannender Arbeitgeber.

Das stimmt. Wir nehmen uns auch explizit vor, unseren Nachwuchs zu Entrepreneuren mit unternehmerischem Denken und Handeln auszubilden. Bei uns hat ein Berater in den ersten Jahren eine sehr steile Lernkurve, arbeitet bei Großunternehmen an spannenden und herausfordernden Projekten mit, kann Auslandsstationen absolvieren. Außerdem wird er von uns für Masterstudium, MBA oder Promotion freigestellt und finanziell gefördert.  Man kann sich bei Bain ein exzellentes berufliches Netzwerk aufbauen. Interessant ist, in welche Richtung sich unsere ehemaligen Kollegen weiterentwickeln, wenn sie sich entscheiden, unser Unternehmen zu verlassen. Die klassische Ausstiegsposition in der Strategieabteilung eines größeren Konzerns wird seltener gewählt.

Viele Ex-Bainies gründen ihr eigenes Unternehmen, wechseln zu Start-ups oder in wachsende Internetunternehmen. Eine Reihe an ehemaligen Bainies findet sich etwa bei Check24 oder dem Onlinemöbelhändler Westwing, um nur zwei Beispiele zu nennen.

In welchen Branchen haben Sie eigentlich die meisten Kunden?
Wir beraten die gesamte Industrie, den Healthcare-Bereich, Telekommunikations- und Hightech-Unternehmen. Ein Schwerpunkt bildet auch der Financial-Services-Sektor, wie Versicherungen und Banken. Außerdem haben wir noch einen Schwerpunkt in der Beratung von Private Equity-Firmen. Hier sind wir Marktführer.

Können Sie diesen Geschäftsbereich kurz etwas skizzieren?

Bain war Pionier bei der Beratung von Private Equity-Unternehmen. Private Equity Funds investieren häufig in Unternehmen und nehmen dazu oft unsere Hilfe in Anspruch, um offene Fragen zu beantworten, hinsichtlich der Marktattraktivität, des konkreten Wettbewerbsumfelds der Unternehmen, in die investiert werden soll. Wie könnte die zukünftige Strategie des Unternehmens sein und wie sieht letztlich das Potenzial aus? Nach der Investition sind wir oft auch weiterhin dabei, um gemeinsam mit dem Fund das umzusetzen, was wir vorher analysiert haben. Wir helfen dem Private Equity Fund, das Unternehmen wertvoller zu machen, Marktanteile zu gewinnen oder Kosten zu senken. Um Ihnen eine Größenvorstellung zu geben: Bain war über die letzten zehn Jahre an ungefähr der Hälfte aller großen deutschen Private Equity Deals in irgendeiner Weise beratend beteiligt.

Dieser Bereich des Beratungsgeschäftes hat aber nichts mit dem Private Equity-Fund Bain Capital zu tun?

Nein, dieser ist zwar auch aus Bain & Company hervorgegangen, er ist aber organisatorisch und gesellschaftsrechtlich strikt getrennt. Allein schon deswegen, weil wir sonst auch keine Beratungsdienstleistungen für andere Private Equity-Funds anbieten könnten, denn Bain Capital steht ja in Konkurrenz zu den Private Equity-Firmen, die wir beraten.

Suchen Sie derzeit eher Berufseinsteiger oder eher Berater mit Berufserfahrung?

Wir stellen pro Jahr 120 bis 150 neue Beraterinnen und Berater ein. Zwei Drittel davon sind Berufseinsteiger und davon derzeit 30 Prozent Frauen, wobei wir diesen Anteil sehr gerne auf 40 Prozent steigern wollen. Wir stellen übrigens grundsätzlich aus allen Fachbereichen neue Mitarbeiter ein, wobei ein Schwerpunkt sicherlich bei Wirtschaftswissenschaftlern, -ingenieuren und -informatikern liegt. Aber auch Naturwissenschaftler sind uns sehr willkommen.


Die durchschnittliche Verweildauer eines Beraters liegt bei Bain bei etwa vier bis fünf Jahren – rund ein Jahr länger als bei den Mitbewerbern

Dominik Thielmann, Bain & Company


Wie lange ist eigentlich die durchschnittliche Verweildauer einer Beraterin oder eines Beraters in Ihrem Unternehmen?

Der Durchschnitt liegt bei ungefähr fünf Jahren. Meines Wissens ist das etwa ein Jahr länger als bei vielen unserer Mitbewerber. Das ist übrigens auch für Frauen eine wichtige Information, denn wir wissen, dass diese teilweise deshalb nicht bei Unternehmensberatungen einsteigen, weil sie sich Sorgen um ihre Familienplanung machen. Wir haben für längerfristige Karrieren bei uns selbstverständlich Teilzeitmodelle. Viele unserer Beraterinnen verlassen aber ebenso wie ihre männlichen Kollegen unser Unternehmen im Alter von 26 bis 28 noch lange vor der Familiengründung, weil sie andere lukrative Optionen auf dem Arbeitsmarkt wahrnehmen oder beruflich etwas Neues ausprobieren möchten.

Dann sind Sie selber mit dreizehn Jahren Zugehörigkeit zu Bain & Company also eine Ausnahmeerscheinung?

Ich bin schon sehr lange Berater, das stimmt. Ich stelle mir jährlich zwei Fragen. Erstens: „Lerne ich noch Neues dazu?“ und zweitens: „Macht mir meine Arbeit und mein kollegiales Umfeld Spaß?“ Und bis jetzt habe ich immer beide Fragen bejaht. Aus dem Grund verspüre ich bis jetzt auch keinen Anreiz, mich nach einer Alternative umzuschauen. Außerdem ist das Arbeiten bei uns gerade momentan extrem spannend. Wir wachsen als Unternehmen mit hohem einstelligem Wachstum stärker als unsere Mitbewerber. Wir greifen an, gerade im deutschen Markt. Wir wollen expandieren und das mit den besten Talenten, die wir finden können.


Dominik Thielmann, Bain & Company

Dominik Thielmann ist Partner bei Bain & Company in München, Mitglied der Praxisgruppe Telekommunikation, Medien und Technologie und zuständig für das Recruiting. Er verfügt über umfangreiche Erfahrung in der strategischen Neuausrichtung, bei Effizienz- und Wachstumsprogrammen sowie Transformationen von Unternehmen in der Telekommunikationsbranche und in Hightech-Industrien. Branchenübergreifend berät er darüber hinaus Kunden bei Turnaround- und Restrukturierungsprogrammen. Dominik Thielmann ist diplomierter Kaufmann und studierte an der WHU – Otto Beisheim School of Management, der ESC Reims und der University of Hawaii.