
Bitte werdet nicht die besseren Männer!
Du bist hervorragend ausgebildet, ehrgeizig und startest in eine Arbeitswelt, in der Frauen heute Möglichkeiten haben, für die Generationen vor dir lange gekämpft haben. Bitte nutze sie, sei ehrgeizig, freue dich über deinen beruflichen Erfolg, verdiene gutes Geld und geh’ in Führung – auf deine Art und Weise!
Ein Gastbeitrag von Maren Wölfl
Wir brauchen dich an den Tischen, an denen wichtige Entscheidungen getroffen werden. Es geht nicht darum, dass Frauen grundsätzlich die besseren Menschen oder automatisch die besseren Führungskräfte wären. Die Entscheidungen sind einfach besser, wenn unterschiedliche Erfahrungen, Lebensrealitäten und Perspektiven vertreten sind.
Rund sechs von zehn Menschen in der EU sind der Meinung, dass mehr Frauen in politischen Entscheidungspositionen zu besseren Entscheidungen führen würden. Auch aus der Wirtschaft wissen wir, dass vielfältig zusammengesetzte Führungsteams mit besseren Unternehmensergebnissen zusammenhängen.
Besonders eindrücklich finde ich den Blick auf einen ganz anderen Bereich: Frieden. Untersuchungen zu Friedensprozessen zeigen, dass Vereinbarungen nachhaltiger sein können, wenn Frauen an den Verhandlungen beteiligt sind. Es macht eben einen Unterschied, wer am Tisch sitzt, welche Erfahrungen gehört und welche Fragen überhaupt gestellt werden.
Und trotzdem fehlen Frauen bis heute genau dort, wo wichtige Entscheidungen getroffen werden: in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Technologie. Deshalb brauchen wir nicht einfach mehr Frauen, die sich möglichst perfekt in bestehende Strukturen einfügen. Wir brauchen deine Perspektive und auch deinen kritischen Geist.
Es wäre absurd, wenn Frauen sich in Entscheidungspositionen der bisher dominanten Perspektive anpassen
Maren Wölfl
Daran muss ich immer wieder denken, wenn ich mich an eine Situation aus meiner eigenen Konzernkarriere erinnere: „Don’t you like our tough conversations?“
Diese Frage stellte mir vor vielen Jahren ein regionaler CEO, der für Westeuropa zuständig war. Und ich weiß noch, wie ich mir damals dachte: Nein, ich mag diese Gespräche überhaupt nicht. Ich arbeitete damals im internationalen Management, war ambitioniert und wollte etwas bewegen. Natürlich hatte ich verstanden, dass zum Berufsleben auch Konflikte gehören. Aber musste Führung wirklich so sein: hart, laut und konfrontativ?
Genau darin liegt aus meiner Sicht eine der großen Herausforderungen für deine Generation: Nimm deinen Platz ein, aber glaube nicht, dass du dafür jemand anderes werden musst. Hinterfrage kritisch, was du vorfindest, und habe den Mut, Feedback zu geben. Denn wenn wir Frauen gerade deshalb in Entscheidungspositionen brauchen, weil unterschiedliche Perspektiven einen Unterschied machen, wäre es absurd, wenn sie dort angekommen versuchen, sich möglichst vollständig an die bisher dominante Perspektive anzupassen.
Bitte hinterfrage also bestehende Strukturen und Spielregeln, statt sie einfach zu übernehmen.
Gleichberechtigung bedeutet nicht Anpassung
Frauen haben jahrzehntelang dafür gekämpft, in ein bestehendes System hineinzukommen. Jetzt sollten wir eine andere Frage stellen: Welche Regeln dieses Systems wollen wir eigentlich behalten?
Unser Bild von Karriere und beruflichem Erfolg ist erstaunlich hartnäckig. Viel arbeiten gilt als leistungsbereit, permanente Verfügbarkeit als engagiert, Zweifel werden schnell mit Schwäche verwechselt und eine erfolgreiche Karriere verläuft möglichst ohne Unterbrechung immer weiter nach oben.
Viele dieser Vorstellungen stammen aus einer Arbeitswelt, in der Führungskräfte überwiegend Männer waren und zu Hause häufig jemand dafür sorgte, dass sie sich voll auf ihren Beruf konzentrieren konnten. Aber warum sollten wir dieses historisch entstandene Modell einfach zur Blaupause für deine Generation machen?
Gleichberechtigung kann nicht bedeuten, dass Frauen lernen, in einem überholten System genauso gut zu funktionieren wie Männer.
Bleib dir und deinen Werten treu
Vor einiger Zeit erzählte mir eine Frau, dass sie aufgehört habe, im beruflichen Kontext „bitte“ und „danke“ zu sagen. Ihr männlicher Vorgesetzter tat es schließlich auch nicht. Offenbar, so ihre Schlussfolgerung, müsse man so kommunizieren, wenn man ernst genommen werden und Karriere machen möchte. Diese kleine Geschichte ist für mich symptomatisch.
Wir alle beobachten, welches Verhalten in einer Gruppe erfolgreich ist, und passen uns an. Besonders groß wird dieser Druck, wenn wir die Ausnahme sind. Vielleicht wirst auch du irgendwann die einzige Frau im Meeting, im Projektteam oder auf einer Führungsebene sein.
Deshalb ist eine Botschaft aus meinem Buch „Ein FEMALE WAKE-UP CALL“ für mich so zentral: Bleib dir selbst und deinen Werten treu. Entwickle dich weiter, aber verbiege dich nicht. Finde deinen authentischen Weg, der zu dir passt.
Meine persönlichen Werte sind Begeisterung, Mut und Miteinander auf Augenhöhe. Sie sind für mich wie ein Leuchtturm. Gerade wenn es schwierig wird, helfen sie mir bei Entscheidungen. Passt das, was ich gerade tue, zu dem, wofür ich stehen möchte? Wie möchte ich mich in diesem Konflikt verhalten? Passt dieses Unternehmen zu mir? Will ich diesen Karriereschritt wirklich oder glaube ich nur, dass ich ihn wollen sollte?
Wenn Miteinander auf Augenhöhe für mich wichtig ist, muss ich nicht aufhören, „bitte“ und „danke“ zu sagen, nur weil jemand über mir es nicht tut. Und du musst dir keinen Schutzanzug anziehen, nur um stärker zu wirken. Klarheit ist nicht dasselbe wie Härte, Selbstbewusstsein nicht dasselbe wie Lautstärke. Freundlichkeit macht dich nicht weniger kompetent.
Kenne deine Werte und nutze sie als Leuchtturm. Sie helfen dir nicht nur bei Entscheidungen, sondern auch dabei, dich auf deinem beruflichen Weg nicht selbst zu verlieren.
Schau nach oben, bevor du unterschreibst
Bei sich zu bleiben ist leichter, wenn das Umfeld Unterschiedlichkeit zulässt. Deshalb würde ich beim Berufseinstieg nicht nur fragen: Will mich dieses Unternehmen? Dreh die Frage um: Will ich dieses Unternehmen?
Schau nicht nur auf Einstiegsgehalt, Brand und Karriereversprechen. Schau nach oben. Gibt es Frauen in Führungspositionen? Aus der Forschung zur sogenannten „Critical Mass“ stammt die häufig zitierte Größenordnung von rund 30 Prozent. Sie ist keine magische Grenze, aber der Gedanke dahinter ist trotzdem wichtig: Solange Frauen nur vereinzelt vertreten sind, werden sie stärker als „die Frau“ wahrgenommen. Erst wenn sie nicht mehr die Ausnahme sind, entsteht mehr Raum für unterschiedliche Persönlichkeiten, Meinungen und Führungsstile.
Eine einzige Frau verändert noch keine Kultur. Eine Frage kann dir deshalb mehr verraten als jede Diversity-Broschüre: Wie viele Frauen arbeiten eine oder zwei Ebenen über der Position, für die ich mich bewerbe?
Die Antwort zeigt dir, ob Frauen im Unternehmen nicht nur eingestellt werden, sondern auch weiterkommen.
Schreib die alten Regeln neu
Du startest zu einem spannenden Zeitpunkt ins Berufsleben. Künstliche Intelligenz verändert gerade, wie wir lernen, arbeiten und entscheiden. Laut „Future of Jobs Report 2025“ des World Economic Forum werden sich bis 2030 rund 39 Prozent der heute benötigten Fähigkeiten verändern oder an Bedeutung verlieren.
Warum sollten wir in einer neuen Arbeitswelt ausgerechnet an alten Vorstellungen von Führung und Karriere festhalten? Vielleicht werden gute Fragen wichtiger als schnelle Antworten, Urteilsvermögen wichtiger als reines Wissen und die Fähigkeit, Menschen durch Veränderung zu führen, wichtiger als der perfekte Auftritt.
Warte nicht darauf, perfekt vorbereitet zu sein. Mach Fehler. Die Männer vor dir durften das schließlich auch. Karriere funktioniert anders als Schule und Studium. Es gibt nicht immer eine Musterlösung. Kompetenz entsteht nicht nur durch Vorbereitung. Sie entsteht auch durchs Tun.
Und definiere Erfolg nach deinen eigenen Werten – nicht nur danach, was von außen erfolgreich aussieht. Partnerin mit 35? CEO? Ein bestimmtes Gehalt? 60 Stunden Arbeit pro Woche? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Du sitzt am Lenkrad deines Lebens.
Ehrgeizig sein und trotzdem Zeit für Familie und ein Leben außerhalb des Berufs wollen: Vielleicht können sich an diesem Punkt in Zukunft sogar Männer stärker an Frauen orientieren
Maren Wölfl
Du darfst ehrgeizig sein und trotzdem Zeit für Familie, Freund:innen und ein Leben außerhalb des Berufs wollen. Vielleicht können sich an diesem Punkt in Zukunft sogar Männer stärker an Frauen orientieren statt umgekehrt.
Warum behandeln wir den Wunsch, Zeit mit den eigenen Kindern zu verbringen, eigentlich als Karriereproblem? Vielleicht ist nicht die Frau das Problem, die um 16 Uhr ihr Kind abholen möchte. Vielleicht ist ein Karrieremodell das Problem, das voraussetzt, dass erfolgreiche Menschen um 16 Uhr möglichst nichts anderes vorhaben dürfen.
Ich habe selbst drei Kinder. Der wichtigste Glaubenssatz für unsere Familie war von Anfang an: Mein Partner und ich sind für unsere Kinder 50:50 zuständig. Das bedeutet nicht, jede Aufgabe mathematisch zu halbieren. Es bedeutet, dass wir uns beide gleichermaßen verantwortlich fühlen.
Wenn du Kinder möchtest, stehe dazu, dass du Zeit mit ihnen verbringen willst. Aber pass gleichzeitig auf, dass daraus nicht automatisch die klassische Teilzeitfalle wird, während dein Partner Vollzeit weiterarbeitet und seine Karriere ungebremst fortsetzt.
Gleichberechtigung heißt nicht, dass Frauen alles machen. Sie heißt, Verantwortung neu zu verteilen.
Und vielleicht können wir gleich noch ein paar alte Begriffe entsorgen: die „berufstätige Mutter“ und die „Powerfrau“. Schließlich spricht auch niemand vom „berufstätigen Vater“ oder vom „Powermann“. Sprache zeigt ziemlich zuverlässig, wen wir noch immer als Norm und wen als Ausnahme betrachten.
Wenn du Gestaltungsmacht hast, mach’ es anders
Vielleicht sitzt du in zwanzig Jahren dort, wo heute andere über Karrierewege entscheiden. Dann hast du Gestaltungsmacht.
Und dann hoffe ich, dass du nicht sagst: „Ich musste da auch durch.“
Sondern fragst: „Warum musste ich da eigentlich durch?“
Wenn du selbst 60 Stunden gearbeitet hast, mach daraus keine Eintrittskarte für die nächste Generation. Wenn du gelernt hast, immer verfügbar zu sein, bewerte nicht diejenigen schlechter, die Grenzen setzen. Und wenn du erlebt hast, dass die lauteste Person im Raum automatisch als besonders kompetent wahrgenommen wurde, hör genauer hin, wenn du selbst entscheidest, wer befördert wird.
Wenn ein junger Vater um vier Uhr geht, weil er sein Kind abholt, sieh darin nicht mangelnden Ehrgeiz. Vielleicht macht er gerade genau das, was wir uns seit Jahrzehnten wünschen: Verantwortung zu Hause tatsächlich gleichberechtigt zu übernehmen.
Mehr Frauen in Führung sind wichtig. Aber eine Frau im Vorstand verändert noch kein System. Und mehr Frauen allein machen unsere Arbeitswelt nicht automatisch besser.
Entscheidend ist, was wir mit unserer Gestaltungsmacht machen, wenn wir sie haben.
Vielleicht ist das am Ende die größte Chance von mehr Frauen in Führung: nicht eine Arbeitswelt zu schaffen, in der Frauen genauso arbeiten und leben müssen, wie Männer es jahrzehntelang getan haben. Sondern eine Arbeitswelt, in der Frauen und Männer erfolgreich arbeiten und gut leben können, so wie es ihrem Lebenskonzept entspricht – wie auch immer das aussieht.
Du bist hervorragend ausgebildet, dir stehen Möglichkeiten offen, für die Generationen von Frauen vor dir gekämpft haben. Bitte nutze sie, aber kopiere nicht einfach die Regeln, die du vorfindest.
Deine Chance besteht nicht nur darin, einen Platz am Tisch einzunehmen. Deine Chance besteht darin, deine Perspektive, deine Persönlichkeit und deine Werte mit an diesen Tisch zu bringen und mitzuentscheiden, wie dort künftig geführt, gearbeitet und gelebt wird.
Bitte werde nicht der bessere Mann. Werde die Führungskraft, die unsere Arbeitswelt von morgen braucht.

Maren Wölfl ist Leadership-Expertin, Coachin, Speakerin und Gründerin von FEMALE WAKE-UP CALL, einer Plattform für Female Leadership und Empowerment. Nach ihrem Studium der Internationalen Wirtschaftswissenschaften in Innsbruck und Miami sammelte sie langjährige Führungserfahrung in internationalen Unternehmen. Unter anderem war sie bei Gillette, Reckitt Benckiser und Mondi in verschiedenen Managementpositionen tätig. Seit mehr als 15 Jahren begleitet Wölfl Frauen und Unternehmen bei den Themen Leadership, Female Empowerment und berufliche Entwicklung. 2024 wurde sie von der Wirtschaftskammer Österreich als Unternehmerin des Jahres ausgezeichnet.