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„KI kann sehr überzeugend klingen, auch wenn sie irrt“
Künstliche Intelligenz verändert die Arbeit von Consultants grundlegend. Analysen, Recherchen und Präsentationen lassen sich heute schneller erstellen als je zuvor. Doch welche Fähigkeiten werden dadurch wichtiger? Lotte Groß, Senior Consultant im AI & Data Team von Roland Berger, spricht über den Umgang mit KI im Projektalltag, die Bedeutung von Urteilskompetenz und warum kritisches Denken auch in Zukunft eine Kernkompetenz erfolgreicher Consultants bleiben wird.
Lotte, du hast dich bereits während deines Studiums intensiv mit Künstlicher Intelligenz beschäftigt, lange bevor das Thema in der breiten Öffentlichkeit angekommen ist. Was hat dich damals daran fasziniert?
Was mich an KI von Anfang an fasziniert hat, ist, dass man in diesem Feld nie wirklich „angekommen“ ist. Man denkt, man hat den aktuellen Stand verstanden, und dann verändert sich das Spielfeld schon wieder. Für mich war das nie frustrierend, sondern ein permanenter Antrieb. Dieses Gefühl, in einem Bereich zu arbeiten, der sich selbst immer wieder neu erfindet, zieht mich bis heute an.
Den Kontakt zu Roland Berger hast du selbst auf einer Hochschulmesse in Lissabon gesucht. Was hat dich damals neugierig gemacht?
Genau, ich hatte auf der Messe ganz gezielt nach Teams mit echtem Data-Fokus gesucht, und bei Roland Berger hatte ich das Glück, direkt mit den richtigen Leuten zu sprechen.
Roland Berger ist als Strategieberatung sehr breit aufgestellt – für alle Branchen und Unternehmensfunktionen. Für mich war aber der Bereich Digital und konkret das AI & Data-Team genau die Spezialisierung, nach der ich gesucht habe.
Was mich dann wirklich überzeugt hat, war die Kombination aus einer Beratung mit klarem strategischem Anspruch und dem Mut, genau diesen klassischen Ansatz mit einem so dynamischen Thema wie KI zu verbinden. Das ist keine Selbstverständlichkeit, und genau daran mitzugestalten hat mich von Anfang an gereizt. Daher hatte ich mich während des Studiums auf ein Praktikum bei Roland Berger beworben.
Diese internationale Dimension von Roland Berger war einer der Hauptgründe, warum ich diesen Weg eingeschlagen habe
Gab es während des Praktikums oder eines Projekts einen Moment, in dem dir klar wurde: Strategieberatung bei Roland Berger ist genau das, was ich machen möchte?
Während meines Praktikums hatte ich die Gelegenheit, für ein Projekt einige Wochen in Riyadh, Saudi-Arabien, zu verbringen. Das hat mir gezeigt, was mich an diesem Beruf wirklich begeistert: mit Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturen und Ländern zusammenzuarbeiten. Dazu gehört dann auch, nach Feierabend gemeinsam mit dem lokalen Team die Stadt zu erkunden, Restaurants kennenzulernen und Orte zu entdecken, die man als Außenstehende:r sonst nicht findet.
Diese internationale Dimension war für mich kein netter Nebeneffekt, sondern einer der Hauptgründe, warum ich diesen Weg eingeschlagen habe: neue Orte kennenlernen, neue Perspektiven gewinnen und gemeinsam mit Menschen aus aller Welt an anspruchsvollen Themen arbeiten.
Mindestens genauso prägend war für mich die Hilfsbereitschaft im Team. Egal ob bei einer einfachen Frage oder einem komplexen Thema – bei Roland Berger hatte ich nie das Gefühl, allein gelassen zu werden. Die Kolleg:innen haben sich wirklich Zeit genommen, Dinge zu erklären, Wissen zu teilen und mich aktiv einzubinden. Dadurch habe ich in wenigen Wochen unglaublich viel gelernt – teilweise mehr als in manchen Semestern zuvor. Genau dieses Umfeld hatte ich gesucht, und deshalb war der Festeinstieg nach dem Praktikum für mich die logische Konsequenz.
Du bist Teil des AI & Data-Teams im Bereich Digital bei Roland Berger. Was macht ihr konkret in diesem Bereich?
Im AI & Data-Team arbeiten wir an Projekten mit einem stark analytischen Kern, der von Optimierungsthemen bis hin zu komplexen Pricing-Fragen reicht. Gleichzeitig begleiten wir Projekte, bei denen KI nicht nur ein Tool ist, sondern ein strategischer Hebel. Es geht also nicht darum, Technologie zu implementieren, sondern zu verstehen, wo KI echten Mehrwert schafft und wie man das Kund:innen überzeugend vermittelt.
Dabei arbeiten wir eng mit anderen Teams zusammen und beraten Kund:innen aus den unterschiedlichsten Industrien, von Handel und Konsumgütern über Energie bis hin zu Finanzdienstleistungen. Genau diese Breite macht die Arbeit so abwechslungsreich, weil man ständig neue Kontexte kennenlernt und KI-Ansätze immer wieder neu denken muss.
Viele verbinden Künstliche Intelligenz zunächst mit Technologie. Warum ist die Schnittstelle von KI und Strategieberatung für dich besonders spannend?
Weil genau hier der eigentliche Wert entsteht. KI alleine ist kein Selbstzweck, sie entfaltet ihre Wirkung erst, wenn jemand versteht, welche Frage wirklich gestellt werden muss. Und genau das ist Beratung: die richtige Frage stellen, den richtigen Hebel identifizieren. KI macht uns schneller und datengetriebener. Aber die strategische Einordnung, was das für das Geschäftsmodell von Kund:innen bedeutet und welche Implikationen sich daraus ergeben, das bleibt menschliche Arbeit.
Ich finde es unglaublich spannend, genau an dieser Schnittstelle zu arbeiten, und das wird in der Praxis sehr konkret. In einem Projekt haben wir für einen DIY-Händler eine neue datengetriebene Pricing-Strategie entwickelt und dabei ein LLM eingesetzt, um tausende Google-Rezensionen mit Preisbezug zu scrapen und auszuwerten. Ziel war es zu validieren, ob die neuen Preise tatsächlich bei Endkund:innen wahrgenommen werden. Genau das ist für mich das Spannende: KI nicht als Selbstzweck zu nutzen, sondern als Werkzeug, mit dem echte strategische Fragen beantwortet werden können.
Gute Consultants werden mit KI souverän umgehen und gleichzeitig menschlich überzeugend auftreten können
Es wird aktuell viel darüber diskutiert, dass KI klassische Einstiegsaufgaben von Consultants verändert. Was verändert sich – und was macht eine:n gute:n Consultant künftig aus?
KI verändert das Tempo radikal. Viele Analysen, die früher Stunden gedauert haben, dauern jetzt Minuten. Aber Geschwindigkeit allein ist kein Wettbewerbsvorteil. Was bleibt, ist kritisches Denken: die Fähigkeit, Outputs zu hinterfragen und Fehler zu erkennen, denn auch KI irrt sich.
Was meiner Meinung nach zusätzlich stark an Bedeutung gewinnt, ist emotionale Intelligenz. Kund:innen wirklich zu verstehen, Vertrauen aufzubauen und komplexe Zusammenhänge klar zu kommunizieren, das kann keine KI leisten.
Gute Consultants werden künftig diejenigen sein, die beides beherrschen: mit KI souverän umgehen und gleichzeitig menschlich überzeugend auftreten. Das merke ich auch in meiner eigenen Arbeit. Wenn ich mit Kund:innen in Workshops sitze, geht es selten nur um Daten oder Ergebnisse. Es geht darum, Unsicherheiten aufzufangen, unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen und Menschen mitzunehmen, die vielleicht noch skeptisch gegenüber KI-gestützten Ansätzen sind. Das erfordert Fingerspitzengefühl, das kein Tool der Welt übernehmen kann.
Ich glaube, wenn man das versteht, also dass KI und menschliche Stärken sich ergänzen statt konkurrieren, ist man in diesem Beruf gut aufgestellt.
Das Modell hat mir eine Zahl geliefert, die auf den ersten Blick absolut
plausibel wirkte, aber schlicht falsch war
Urteilskompetenz entsteht durch Erfahrung, aber nicht automatisch. Wie hast du gelernt, KI-Ergebnisse kritisch zu hinterfragen – und wie können Berufseinsteiger:innen diese Fähigkeit entwickeln?
Das ist eine Frage, die mich selbst immer wieder beschäftigt. Mein Ansatz ist konsequentes Hinterfragen. Ich nehme keinen Output einfach hin, sondern hinterfrage ihn mit gezielten Prompts, mit alternativen Perspektiven, manchmal auch mit der simplen Frage: „Macht das eigentlich Sinn?“.
Prompt-Engineering wird dabei massiv unterschätzt. Wer lernt, präzise zu fragen, bekommt bessere Antworten und merkt schneller, wo Lücken sind. Dazu kommt das Netzwerk: Wenn ich unsicher bin, frage ich Kolleg:innen mit mehr Erfahrung. Irgendwann entwickelt man ein echtes Gespür dafür, aber das braucht Übung und die Bereitschaft, auch mal Fehler zu machen.
Ein konkretes Beispiel dafür hatte ich in einem Projekt, bei dem wir Marktdaten für eine Wettbewerbsanalyse zusammengestellt haben. Das Modell hat mir eine Zahl geliefert, die auf den ersten Blick absolut plausibel wirkte, gut formatiert, mit scheinbar klarem Kontext. Beim Gegenchecken mit der Primärquelle hat sich herausgestellt, dass die Zahl schlicht falsch war, das Modell hatte sie aus verschiedenen Kontexten zusammengesetzt, die inhaltlich nicht zusammengehörten. Erkannt habe ich es nur, weil mir die Größenordnung im Vergleich zu anderen Werten leicht aus dem Rahmen gefallen ist.
Das war für mich ein prägender Moment: KI kann sehr überzeugend klingen, auch wenn sie irrt. Seitdem überprüfe ich Kerndaten grundsätzlich gegen externe Quellen und dokumentiere meine Prompts, um nachvollziehen zu können, wie ein Ergebnis zustande gekommen ist. Fehler wie dieser sind unangenehm, aber sie sind die beste Schule für echte Urteilskompetenz.
KI aktiv nutzen, nicht abwarten: Tools nicht nur gelegentlich ausprobieren, sondern sie fest in den eigenen Arbeits- oder
Unialltag integrieren
Wenn du fünf Jahre nach vorne blickst: Welche Fähigkeiten sollten junge Beraterinnen und Berater heute entwickeln, um auch dann noch erfolgreich zu sein?
Künstliche Intelligenz aktiv nutzen, nicht abwarten. Das heißt für mich: Tools nicht nur gelegentlich ausprobieren, sondern sie fest in den eigenen Arbeits- oder Unialltag integrieren, zum Beispiel für Recherche, erste Analyseschritte, Strukturierung von Gedanken oder das schnelle Durchspielen verschiedener Szenarien.
Wer heute lernt, gute Prompts zu formulieren, Ergebnisse kritisch zu prüfen und KI bewusst als Sparringspartner einzusetzen, wird in fünf Jahren deutlich schneller in die eigentliche inhaltliche Arbeit kommen.
Genauso wichtig ist aber Lernbereitschaft als Haltung, also nicht nur einmal einen Kurs zu machen, sondern kontinuierlich neugierig zu bleiben und neue Anwendungen aktiv zu testen.
Dazu kommt strukturiertes Denken: die Fähigkeit, aus vielen KI-generierten Informationen die wirklich relevante Frage herauszuarbeiten. Und schließlich Kommunikation. Die Fähigkeit, komplexe Erkenntnisse klar, überzeugend und auf den Punkt zu vermitteln, wird künftig wichtiger, nicht unwichtiger.

Du bist zu einem Zeitpunkt in die Beratung eingestiegen, als KI gerade begann, den Berufsalltag grundlegend zu verändern. Wenn du auf die vergangenen Jahre zurückblickst: Wo hast du den Wandel bei Roland Berger am stärksten erlebt?
Am konkretesten zeigt sich der Wandel für mich an den Tools. Wir bekommen immer ausgefeiltere Werkzeuge, zum Beispiel KI-Plugins direkt in PowerPoint, die unsere Arbeitsweise Stück für Stück verändern, verbessern und beschleunigen. Die gewonnene Zeit fließt dabei nicht in weniger Arbeit, sondern in mehr Tiefe – mehr Szenarien durchspielen, mehr Sparring im Team, mehr Zeit bei Kund:innen.
Wer sich früh darauf einlässt und KI aktiv nutzt, kommt entsprechend schneller in die inhaltliche Arbeit – und dabei wird man hier von Anfang an begleitet. Ich erlebe das nicht als Druck, sondern als Einladung, immer wieder neu zu hinterfragen, was eigentlich meine Kernaufgabe ist. Und das finde ich ehrlich gesagt sehr aufregend.
Was hält dich heute bei Roland Berger?
Was mich hält, sind vor allem die Menschen. Unser Team hat eine Dynamik, die ich so nicht erwartet hätte. Man wird wirklich gefördert, aber auch gefordert, und genau diese Kombination lässt einen wachsen.
Gleichzeitig habe ich hier nie das Gefühl, einfach eine von vielen zu sein. Man bekommt viel Vertrauen, kann den eigenen Weg mitgestalten und wird dabei individuell unterstützt.
Dazu kommt, dass kein Projekt wie das andere ist – genau das macht den Job für mich so spannend: Es wird nie langweilig, und man hört nie auf, dazuzulernen.
Und dann gibt es noch Programme wie das B&Me-Entwicklungsprogramm, über das ich aktuell ein Social Fellowship absolviere und für einen längeren Zeitraum eine NGO unterstütze.
Für mich zeigt das, dass Roland Berger Entwicklung wirklich ernst nimmt, auch über das klassische Projektgeschäft hinaus.

Lotte Groß // Roland Berger
Lotte Groß, Jahrgang 1998, ist Senior Consultant bei Roland Berger am Standort München. Bereits während ihres Masterstudiums an der Nova School of Business and Economics in Lissabon absolvierte sie ein Praktikum bei Roland Berger und entschied sich anschließend für den Einstieg in die Strategieberatung. Zuvor beschäftigte sie sich intensiv mit Data Science, Process Mining und Künstlicher Intelligenz. Ihre Masterarbeit zur KI-gestützten Produktklassifikation wurde mit Bestnote bewertet und mündete in eine wissenschaftliche Veröffentlichung. Heute berät sie Unternehmen an der Schnittstelle von Strategie, Transformation und Generative AI und begleitet Projekte rund um den Einsatz Künstlicher Intelligenz. In ihrer Freizeit findet man sie vor allem beim Sport, ob beim Laufen, Skifahren oder Wandern, in der Gesellschaft von Tieren oder beim Ausprobieren der neuesten Bars und Restaurants in München.