
Hannah Hoehnke von McKinsey über ihren Einstieg als Fellow, internationale Projekte und ihre Promotion
Von Kopenhagen bis Kitzbühel, von Tech & AI bis Energiegerechtigkeit: Hannah Hoehnke hat ihre ersten Jahre bei McKinsey bewusst vielseitig gestaltet. Während ihres Educational Leaves promoviert sie derzeit in Freiburg und bleibt zugleich im McKinsey-Netzwerk aktiv. Wie sie ihren eigenen Weg in der Beratung gefunden hat und was sie Studierenden empfiehlt, die über einen Einstieg als Fellow nachdenken, erzählt sie im Interview.
Hannah, zur Zeit dieses Interviews bist du gerade im Educational Leave. Was machst du in dieser Zeit konkret – und wie kam es zu dieser „Auszeit“ vom klassischen Projektgeschäft?
Der Educational Leave ist ein Angebot von McKinsey für Berater:innen, die nach dem Bachelor oder Master über das Fellow-Programm einsteigen. Nach zwei oder drei Jahren bekommt man die Gelegenheit, eine Auszeit vom klassischen Projektgeschäft zu nehmen und diese Zeit einem Bildungsziel zu widmen. Konkret heißt das: Wir können einen weiteren Master, einen MBA oder, so wie ich, eine Promotion machen. McKinsey unterstützt uns dabei finanziell, indem wir ein Jahr das volle Gehalt erhalten. Alternativ zum Educational Leave gibt es auch die Möglichkeit, einen Social Leave zu machen und sechs bis zwölf Monate bei einer NGO zu arbeiten.
Du nutzt die Zeit für eine Promotion, bleibst aber gleichzeitig im McKinsey-Netzwerk aktiv. Wie sieht diese Verbindung im Alltag aus?
Auch während meiner Promotion bleibe ich aktiv im McKinsey-Netzwerk und bin in verschiedene Initiativen eingebunden. Gerade organisiere ich zum Beispiel zum dritten Mal die Global Tech & AI CxO Conference in Kitzbühel mit. Im vergangenen Jahr war ich bei The Spark – Der deutsche Digitalpreis dabei, dem Start-up-Preis vom Handelsblatt und McKinsey. In diesem Jahr habe ich unser Next Generation Women Leaders Event in Paris mitorganisiert.
Für mich passt das gut zusammen: In der Promotion arbeite ich lange und tief an einer Frage, während ich bei diesen Formaten einen konkreten Termin im Team vorbereite. Außerdem lernt man Kolleg:innen aus anderen Offices und Funktionen kennen, etwa aus Communications oder Recruiting.
Während des Educational Leaves forsche ich zu den Themen Energiegerechtigkeit und Energiepolitik
Und wie bist du auf dein konkretes Promotionsthema gekommen?
Bei meiner Leave-Planung hatte mich der Lehrstuhl in Freiburg überzeugt. Das dortige Climate Action Research Lab (CARL) ist bewusst interdisziplinär aufgestellt: Forscher:innen aus Ingenieurwissenschaften, Ökonomie, Sozial- und Politikwissenschaften und Mathematik arbeiten dort zusammen und liefern datenbasierte Erkenntnisse für Klimaschutz und Klimaanpassung. Die Themen reichen von der Frage, wie sich erneuerbare Technologien, Energiespeicher und Elektrifizierung durchsetzen, bis zu Katastrophenresilienz und Waldbränden.
Ich selbst forsche zu Energiegerechtigkeit und Energiepolitik. Mich interessiert vor allem, warum Förderprogramme für die Energiewende oft genau die Haushalte nicht erreichen, die sie am dringendsten bräuchten.
Unser erstes Paper ist in Nature Reviews Clean Technology erschienen, zusammen mit Kolleg:innen aus Stanford, der Indiana University und der University of Pennsylvania. Wir haben darin systematisch aufgearbeitet, welche strukturellen Hürden einkommensschwache Haushalte von solchen Programmen ausschließen. Komplexe Antragsverfahren, etwa für Photovoltaik-Förderung, schrecken ausgerechnet diejenigen ab, die am meisten davon profitieren würden. Was hilft, ist gezieltere Förderung, sofortige finanzielle Entlastung statt Vorleistung, einfachere Verwaltung und Ansätze, die von der Kommune oder der Nachbarschaft getragen werden.
Du bist 2022 direkt nach dem Studium als Fellow bei McKinsey eingestiegen. Was hat dich an diesem Einstiegsmodell besonders gereizt – und was hast du in den ersten Monaten tatsächlich vorgefunden?
Beworben habe ich mich während meines Masters, den ich in Lissabon und Stockholm absolviert habe. Ich hatte vorher schon ein Praktikum in einer anderen Beratung gemacht und wusste deshalb, dass mir Projektarbeit und die Vielfalt der Themen Spaß machen.
Ich wollte von Anfang an Verantwortung übernehmen und gleichzeitig gefördert und gefordert werden
Von McKinsey habe ich mir erhofft, mit inspirierenden Menschen aus ganz unterschiedlichen fachlichen und kulturellen Hintergründen an spannenden Fragestellungen zu arbeiten. Und genau das ist eingetroffen! Ich wollte von Anfang an Verantwortung übernehmen und gleichzeitig gefördert und gefordert werden. Außerdem wollte ich unbedingt an der Schnittstelle von Management und Technologie arbeiten. Und international arbeiten; mein Studium hatte ich mit Stationen in Dublin, Montreal, Lissabon und Stockholm schon entsprechend ausgelegt.
Mein erstes Projekt war dann tatsächlich in Kopenhagen, darüber habe ich mich riesig gefreut. Durch die Stay the Weekend Initiative konnte ich sogar manchmal über das Wochenende bleiben und Freund:innen treffen, die dort leben. Auch unser Team war ein echt internationales Team: Dänemark, Deutschland, Belgien, Finnland.
Als Fellow hast du Projekte in ganz unterschiedlichen Bereichen kennengelernt, unter anderem IT-Strategie, Life Sciences, Sustainability oder Risk & Resilience. Wie viel Raum gibt ein solcher Einstieg tatsächlich, um verschiedene Themengebiete auszuprobieren und den eigenen Schwerpunkt zu finden?
Bei McKinsey können wir an einer Vielzahl von Themen arbeiten, über Industrien und Funktionen hinweg. Einsatzmöglichkeiten ergeben sich aus dem Zusammenspiel aus aktuellem Projektbedarf und individuellem Fokus. Wer sich in einem bestimmten Bereich spezialisieren möchte, kann aktiv den Austausch mit entsprechenden Kolleg:innen suchen und die Gelegenheit nutzen, sich fachlich weiterzuentwickeln.
Beim Thema Staffing gibt es Kolleg:innen, die einem helfen, die passendsten Projekte zu finden. Dazu kommen seniorere Mentor:innen, zum Beispiel Partner:innen, die einen als Development Growth Manager strategisch beraten. Beratung ist ein People Business: Es lohnt sich, Gespräche zu suchen und neugierig zu sein.
Es ist wichtig, offen gegenüber neuen Erfahrungen und Bereichen zu bleiben. Manchmal wurde ich schon positiv überrascht und fand Themen spannend, von denen ich es nie erwartet hätte.

Du arbeitest inzwischen mit einem Fokus auf Tech & AI. Wann wurde für dich klar, dass du dich in diesem Bereich vertiefen möchtest?
Das war schon bei meiner Bewerbung klar, ich habe mich direkt für die Tech & AI Practice beworben. Angefangen hat das Interesse aber deutlich früher. Meine Bachelorarbeit habe ich zum Beispiel über Voice Assistants im Marketing geschrieben. Durch Praktika im Tech- und Start-up-Umfeld habe ich gemerkt, wie sehr mich die Schnittstelle zwischen Technologie und Business interessiert: zu übersetzen zwischen dem, was technisch möglich ist, und dem, wie ein Unternehmen das nutzen kann. Da wollte ich arbeiten, und das treibt mich bis heute an.
Die Fähigkeit, die richtigen Fragen zu stellen, Prioritäten zu setzen und fundierte Entscheidungen zu treffen, bleibt entscheidend
Was macht die Schnittstelle von Technologie und Unternehmensberatung für dich besonders spannend – gerade jetzt, da Künstliche Intelligenz die Arbeit von Unternehmen und auch von Consultants verändert?
Am spannendsten finde ich die Frage nach der Rolle des Menschen in einer Zukunft, in der KI bei Aufgaben unterstützen oder sie übernehmen kann. Menschliche Arbeit verliert dabei nicht an Bedeutung, es verschieben sich Schwerpunkte. Während die Erstellung von Inhalten und Auswertungen zunehmend automatisiert werden kann, bleibt die Fähigkeit entscheidend, die richtigen Fragen zu stellen, Prioritäten zu setzen und fundierte Entscheidungen zu treffen. Ein scharfes Urteilsvermögen wird deshalb wichtiger denn je. Mir persönlich hilft KI, schneller und effizienter zu arbeiten. Gerade beim Programmieren kann ich heute Lösungen entwickeln, die zuvor mehr Zeit oder spezielles Fachwissen erfordert hätten. Das finde ich „empowering“. Es eröffnet neue Möglichkeiten für Menschen, die bislang nur begrenzten Zugang zu Bildungs- und Lernangeboten hatten.
Themen wie Cybersecurity werden immer wichtiger. Wie bei jeder Technologie kommt es am Ende auf die Nutzer:innen an. In einer idealen Welt übernimmt KI innerhalb klarer Guardrails die repetitiven Aufgaben. Damit gewinnen wir Menschen Zeit für kritisches Hinterfragen, für soziale Arbeit und echtes Miteinander.
Welche Fähigkeiten werden für junge Beraterinnen und Berater aus deiner Sicht wichtiger, wenn KI immer mehr Analyse- und Standardaufgaben übernimmt?
An erster Stelle steht kritisches Hinterfragen: zu wissen, was man will, die richtigen Fragen zu stellen und eine Vorstellung vom Zielbild zu haben. Kommunikation war immer schon wichtig, heute geht es aber besonders darum, große Mengen an Informationen auf das Wesentliche zu verdichten und eigene Ideen einzubringen.
Ebenso wichtig finde ich es, neugierig zu bleiben und sich nicht von der Geschwindigkeit der Entwicklungen verunsichern zu lassen. Der Fokus verschiebt sich ständig: Zunächst ging es vor allem um Prompting, dann um Kontextsteuerung, heute stehen Agenten und autonome Workflows (Loops) im Mittelpunkt. Bei diesem Tempo kann leicht das Gefühl entstehen, den Anschluss zu verlieren, unabhängig von Rolle oder Branche. Umso wichtiger ist es aus meiner Sicht, regelmäßig einen Schritt zurückzutreten und sich zu fragen, welchen konkreten Mehrwert die Technologie schaffen kann und wie man sie sinnvoll einsetzen möchte.
Neben deiner Arbeit bei McKinsey engagierst du dich als Mentorin bei startsocial. Was reizt dich an dieser Aufgabe – und was nimmst du aus der Arbeit mit NGOs für deine eigene Tätigkeit mit?
Ich finde es wichtig, sich mit anderen Menschen und anderen Problemen auseinanderzusetzen. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der ehrenamtliches Engagement selbstverständlich war, und finde es großartig, über ein Programm wie startsocial etwas von meinen Beratungserfahrungen in soziale Projekte einzubringen.
Ich lerne dabei selbst enorm viel und bekomme Einblicke in ganz neue Themen. Das Programm ist wirklich inspirierend: Bei den Veranstaltungen lerne ich so viele Menschen kennen, die viel Zeit und Energie in soziale Projekte stecken, oft unbezahlt und zusätzlich zu ihrem Vollzeitjob. In den Medien hören wir oft davon, was in der Welt nicht gut läuft. Die Projekte bei startsocial sind echte Hoffnungsträger.
Wenn du auf deine ersten Jahre bei McKinsey zurückblickst: Was hat dich am stärksten überrascht?
Am Anfang kann McKinsey als große, globale Firma einschüchternd wirken. Mir ist wichtig zu sagen, dass viele auch mal unsicher sind, weil der Job fordernd ist. Mir hat geholfen, mir klar darüber zu sein, warum ich das mache. Und ich selbst zu bleiben und wirklich die Menschen und Themen zu suchen, die zu mir passen.
Am meisten überrascht hat mich, wie unbürokratisch diese Firma sein kann. Du brauchst eine schnelle Antwort von einer Expertin auf der anderen Seite der Welt? Eine E-Mail oder einen Anruf später bist du dem Ziel ein gutes Stück näher. Die Kolleg:innen sind alle sehr hilfsbereit.
McKinsey ist ein Ort, an dem sehr interessante Menschen zusammenkommen – man sitzt im Teamraum neben jemandem, der vorher Medizin studiert oder ein Start-up gegründet hat
Du hast gerade die Menschen angesprochen. Was macht für dich die besondere Atmosphäre bei McKinsey aus?
McKinsey ist ein Ort, an dem sehr interessante Menschen zusammenkommen, aus verschiedenen Ländern und mit ganz unterschiedlichen Lebensläufen. Fasziniert hat mich, wie viele Kolleg:innen neben der Arbeit ausgeprägte Leidenschaften verfolgen: Triathlon, ein eigenes Pferd, ausgefallene Sammlungen oder Scrabble-Bundesmeisterschaften. Man sitzt im Teamraum neben jemandem, der vorher Medizin studiert oder ein Start-up gegründet hat, und lernt allein durch diese Gespräche viel.
Ich hätte auch nicht gedacht, dass aus so vielen Menschen, mit denen ich damals angefangen habe, richtig gute Freundschaften werden, inklusive gemeinsamer Festivalbesuche und Abenteuerreisen. Eine Kollegin und Freundin ist gerade in unser Office in Nairobi gewechselt. Wir haben sie vor ein paar Wochen zu dritt besucht und eine großartige Zeit dort gehabt. Zum Beispiel bei einer Trekkingtour zum Point Lenana auf 4.985 Metern, dem höchsten Punkt des Mount-Kenia-Massivs, der ohne Kletterausrüstung erreichbar ist. Oder eine Vulkanbesteigung in Tansania: ab Mitternacht zum Gipfel, bei Sonnenaufgang oben.
Und was würdest du jemandem mitgeben, der heute über einen Einstieg als Fellow nachdenkt?
Wer heute über einen Einstieg nachdenkt, sollte sich vor allem überlegen, was er oder sie eigentlich will und warum. McKinsey kann eine tolle Möglichkeit sein, wenn man wirklich etwas bewegen, Verantwortung übernehmen und international und interdisziplinär arbeiten möchte. Man kann nicht alles selbst bestimmen, aber „Make your own McKinsey“ ist kein Mythos.

Hannah Hazel Hoehnke ist seit 2022 als Beraterin bei McKinsey Tech & AI tätig und befindet sich aktuell im Educational Leave. Zuvor studierte sie International Business an der WHU – Otto Beisheim School of Management und absolvierte einen CEMS-Master an der NOVA SBE in Lissabon und an der Stockholm School of Economics. Während des Studiums verbrachte sie unter anderem ein Auslandssemester in Montreal und ein Praktikum in Dublin. Bei McKinsey sammelte sie Erfahrung in unterschiedlichen Themenfeldern, darunter IT- Strategie, Life Sciences, Sustainability sowie Risk & Resilience. Seit 2024 promoviert sie am Climate Action Research Lab der Universität Freiburg zu Energiegerechtigkeit und Energiepolitik. Daneben engagiert sie sich als Mentorin bei startsocial. Privat geht sie gern laufen, malt und praktiziert Yoga. Während ihres Educational Leaves hat sie ihr zweites Yoga-Teacher-Training abgeschlossen und organisiert jedes Jahr ein Yoga-Retreat mit und für Freund:innen.