“Soziales Verhalten hat man im Blut”

Einmal Gold bei Olympia – diesen Traum haben viele Leistungssportler, doch nur für wenige geht er tatsächlich in Erfüllung. Philip Witte gehört zu denjenigen, für die der Traum bereits in jungen Jahren Wirklichkeit wurde. Heute ist der 28-jährige Hockeynationalspieler als Berater bei McKinsey tätig und erzählt davon im Gespräch.

Sie wurden 2008 in Peking mit Ihrer Hockeynationalmannschaft Olympiasieger. Erinnern Sie sich noch an das Gefühl?

Das ist schwer in Worte zu fassen. Als ich auf dem Siegertreppchen stand, empfand ich ein extremes Glücksgefühl, gleichzeitig hatte ich es noch gar nicht richtig realisiert. Als ich die Nationalhymne gesungen habe, kam ich mir vor wie im Traum.

Haben Sie vergleichbare Erfolgserlebnisse auch in Ihrem Beruf als Berater?

Sportlich gesehen ist der Olympiasieg das Größte, was man erreichen kann. Ge-nerell kommen Glücksgefühle aber immer dann zustande, wenn man durch eigene Leistung ein Ziel erreicht. Auch bei der Arbeit gibt es Situationen, in denen man denkt: Toll, dass ich das geschafft habe. Das verursacht ebenfalls Glücksgefühle.

Wann hatten Sie das das letzte Mal?

Im Januar führten wir Workshops bei ei-nem Kunden durch. Dabei trug ich eine große Verantwortung und leitete Mitarbeiter des Klienten an. Ich war erstaunt, wie schnell man sich in eine fremde Materie einarbeiten und sie anderen Menschen vermitteln kann – eine tolle Erfahrung. Am Ende der Woche bin ich totmüde ins Bett gefallen, aber es hat sich gelohnt.

Sie haben Maschinenbau studiert – für Berater ein eher untypisches Studium. Wie sind Sie zu McKinsey gekommen?

Da war auch etwas Zufall mit im Spiel. Ich habe mich für einen Workshop für Ingenieure und Naturwissenschaftler in Kitzbühel beworben, doch dieser war schon voll. Man riet mir, mich direkt auf ein Praktikum zu bewerben. Das hat geklappt und die Zeit bei McKinsey hat mir sehr gefallen. Im Anschluss wurde ich dann übernommen.

Wie hat man Sie nach Ihrem Einstieg fachlich auf die Beratung vorbereitet?

Ich habe in den USA einen Monat lang ein sogenanntes Mini-MBA-Programm ab-solviert. Das richtet sich an Quereinsteiger, die noch keine umfassenden BWL-Kenntnisse vorweisen können. Top-Professoren haben uns die wichtigsten Grundlagen beigebracht. Ich traf Kollegen aus der ganzen Welt – es war eine tolle Atmosphäre.

Was gefällt Ihnen an Ihrem Beruf?

Zunächst einmal die steile Lernkurve. Man hat es immer wieder mit interessanten neuen Themen zu tun, zu denen man in kurzer Zeit viele Informationen sammelt und sich ein umfangreiches neues Wissen aneignet. Die Verantwortung, die man auf Projekten im Team trägt, gibt einem zudem das Gefühl, gebraucht zu werden. Einer der Hauptgründe, warum ich mich nach dem Praktikum entschlossen habe, bei McKinsey anzufangen, ist außerdem die gute Teamatmosphäre. Ich habe viel Spaß und bin mit den Kollegen auf einer Wellenläge.

Ist diese Teamarbeit vergleichbar mit der beim Hockeysport?

Parallelen gibt es durchaus. Jeder bringt höchsten Einsatz, damit ein gemeinsames Ziel verwirklicht werden kann. Auch soziales Verhalten hat man als Hockeyspieler im Blut. Man weiß, wie man in bestimmten Situationen auf die Leute zugehen muss.

Welche Erfahrungen aus dem Sport können Sie in Ihren Beruf noch einbringen?

Zum Beispiel mit Druck umgehen zu können. Als Berater wollen wir die Ziele, die wir dem Klienten versprochen haben, auch erreichen. Dafür geben wir alles. Dazu kommt noch die individuelle Drucksitua-tion, denn man möchte ja auch persönlich zeigen, was man kann. Disziplin spielt auch eine große Rolle. Beim Leistungssport bedeutet es um 7 Uhr aufzustehen, um dreimal am Tag trainieren zu können, bei McKinsey, sich abends auch mal länger hinzusetzen und konzentriert zu arbeiten.

Als Sportler müssen Sie mit Niederlagen umgehen können. Wie ist das im Beruf? 

Das habe ich ehrlich gesagt in der kurzen Zeit noch nicht erlebt. Aus dem Sport weiß ich natürlich, was es heißt, auch mal zu scheitern. Im ersten Moment ist man oft wütend und enttäuscht, danach erkennt man aber den Lerneffekt. Ich denke, im Beruf ist es ähnlich: Nach der anfänglichen Enttäuschung würde ich mich fragen, wo-ran es lag und was ich verbessern muss.

Ihr erstes Projekt haben Sie erfolgreich abgeschlossen. Worum ging es dabei?

Wir haben für einen Klienten im deutschen Lebensmitteleinzelhandel operativ auf Marktebene untersucht, wie man Abläufe effizienter gestalten kann, um den Mitarbeitern die Arbeit zu erleichtern.

Wissen Sie schon, was in nächster Zeit beruflich auf Sie zukommt? 

Die Aufgabenstellungen werden variieren, weil ich mich noch nicht festlegen will. Ich möchte die Branchen und Funktionen innerhalb der Beratung öfter wechseln, um möglichst viele Einblicke zu bekommen.

Bleibt neben der Arbeit und den vielen Reisen eines Beraters überhaupt noch Zeit für Hockey?

Oft schaffe ich es frühmorgens vor der Arbeit, mein Kraft- und Lauftraining zu absolvieren – meist im Fitnessraum des Hotels. Am Wochenende finden Spiele oder Stocktrainings statt. Ist die Woche sehr an-strengend, schlafe ich lieber etwas länger. Dann trainiere ich erst, wenn ich zu Hause bin. Ich versuche, meine Athletik auf einem konstanten Level zu halten und im Spiel von meiner Erfahrung zu profitieren. Das klappt bisher noch ganz gut. Momentan spiele ich auf dem Feld in der zweiten und in der Halle in der ersten Bundesliga mit.

Können Sie sich vorstellen, sich für den Sport eine berufliche Auszeit zu nehmen?

Ausschließen will ich das nicht. Das Fellow Program von McKinsey, in dem ich mich befinde, sieht nach einer zweijährigen Berufszeit einen weiteren Bildungsabschluss vor, in Form einer Promotion oder eines MBA. Das würde etwa zwei weitere Jahre dauern, in denen ich auch wieder mehr Zeit für den Sport hätte.

Welche Ziele haben Sie für die Zukunft?

Sportlich will ich mich weiter fit halten und wohlfühlen. Beruflich ist es mein Ziel, Erfahrungen zu sammeln, von der Zeit bei McKinsey möglichst viel zu profitieren und offen für Neues zu sein – denn dann macht der Beraterberuf erst richtig Spaß.


Philip Witte bei McKinsey

Philip Witte, 28, studierte Maschinenbau an der TU Hamburg-Harburg. 2008 gewann der Hockeyspieler mit seiner Mannschaft bei der Olympiade in Peking die Goldmedaille. Seit einem halben Jahr ist er im Fellow Program bei McKinsey.