Chemie & Consulting: Marthe Ketels über ihren Weg zu und bei McKinsey

Das gebürtige Nordlicht Marthe Ketels schätzt München nicht zuletzt wegen der Nähe zu den Alpen

Das gebürtige Nordlicht Marthe Ketels schätzt München nicht zuletzt wegen der Nähe zu den Alpen

Immer offen für Experimente: Die promovierte Chemikerin Dr. Marthe Ketels berät bei McKinsey

„Ich bin ein Mensch, der Sachen einfach mal testet.” Marthe Ketels bewies nicht nur mit der Wahl ihrer Studiengangs, sondern auch mit der ihres Arbeitsgebers, dass sie neugierig und experimentierfreudig ist. Mit junior //consultant sprach sie über ihr erstes Jahr bei McKinsey – und warum sie trotz ursprünglicher Bedenken den Einstieg wagte.

Unser Magazin junior //consultant gibt es seit 2009. Damals wären wir sicher überrascht gewesen, wenn der McKinsey-Berater, den wir zum Gespräch treffen, eine weibliche promovierte Chemikerin gewesen wäre – heute allerdings nicht mehr. Frau Dr. Ketels, wie ist das bei Ihnen – erleben Sie sich selbst manchmal als Exotin oder wundert sich noch jemand in Ihrem Bekanntenkreis über diese Konstellation?

Innerhalb der Firma überhaupt nicht. Da gibt es so viele verschiedene Hintergründe, da falle ich als Chemikerin gar nicht auf. In meinem privaten Umfeld ist das ein bisschen anders. Aber gar nicht unbedingt wegen meines Hintergrundes, sondern weil bei mir niemand dachte, dass ich mal in die Beratung gehe… Gerade im erweiterten Freundeskreis gab es schon ein paar Fragen. So richtig was unter dem Beruf vorstellen kann sich fast niemand – und ehrlich gesagt, so ging es mir auch, bevor ich mich damit beschäftigt habe.

Ich gehe davon aus, dass Sie Chemie aus anderen Gründen studiert haben, als in die Beratung zu gehen. Warum studierten Sie, was Sie studiert haben?

In erste Linie aus Interesse! Das Studium habe ich nicht mit einem bestimmten Berufsziel angefangen, sondern einfach, um Chemie zu verstehen. Ich habe mir gedacht, dass ich mit einem naturwissenschaftlichen Studium dann eine gute Grundlage haben werde und alles Mögliche danach machen kann. Während meines Studiums hab ich dann anfangs allerdings an den „klassischen” Chemiker-Weg gedacht: Doktor – Postdoc – und dann Einstieg als Laborleiterin in der Industrie. Bis zum Doktor bin ich ja auch noch gekommen.

Sie haben den Weg zu McKinsey über ein Event, „Expedition 2018“ in Kitzbühel, gefunden. Was erhofften Sie damals von der Veranstaltung und wie haben Sie sie erlebt?

Ich erhoffte mir, die Beratung und vor allem die Berater bei McKinsey besser kennenzulernen. Meine größte Sorge war, dass ich nicht zu den Beratern passe. Zwei Freunde, die selbst bei McKinsey arbeiten, haben mir dann vorgeschlagen, doch mal bei einem Workshop mitzumachen, um mich von dem Gegenteil zu überzeugen. Im Vordergrund stand dabei für mich, so viele Berater wie möglich kennenzulernen, um mir zu überlegen, ob ich da rein passe. Und ich wurde nicht enttäuscht: Insgesamt waren fast 80 Berater da.

Natürlich habe ich nicht mit jedem einzelnen gesprochen, aber mit allen, mit denen ich mich ausgetauscht habe, habe ich mich sehr wohl gefühlt und mir auf jeden Fall vorstellen können, mit ihnen zu arbeiten. Inhaltlich fand ich besonders einen Workshop zum Thema „Operations” spannend, in dem wir selbst Maschinen – aus Legobausteinen – reparieren mussten, die im ganzen Hotel verteilt waren und dabei feststellen konnten, wie sich solche Wartungsarbeiten mit sehr leichten Hebeln verbessern lassen. Für mich war nach dem Event direkt klar, dass ich es mit einer Bewerbung versuchen werde.


Ich bekam die Gelegenheit, vorab mit zwei Chemikern zu sprechen, die schon bei McKinsey sind

Dr. Marthe Ketels, McKinsey


Wie ging es danach weiter bis zu Ihrem Einstieg?

Nach dem Workshop habe ich mich relativ schnell entschieden, mich zu bewerben. Um allerdings nochmal zu verstehen, wie das als Chemikerin bei McKinsey ist, hatte ich noch die Gelegenheit, mit einer promovierten Chemikerin bei McKinsey zu telefonieren. Danach bot mir die Personalabteilung Termine für die Bewerbungsgespräche an. Ich habe mich dann für einen Termin im Juli entschieden, sodass ich nach der Verteidigung meiner Doktorarbeit noch ein bisschen Zeit für die Vorbereitung hatte. Das Gespräch hat in dem von mir gewählten Office stattgefunden – und ich habe direkt nach dem Mittagessen ein Vertragsangebot erhalten. Ich nahm mir dann noch das Wochenende Zeit, um drüber zu schlafen und schickte am Montag den unterschriebenen Vertrag zurück.

Wie erlebten Sie das Bewerbungsprocedere? Es gibt Studiengänge, da weiß man, dass diese Prozesse früher oder später auf einen zukommen. Wenn man Chemie studiert hat, ist das ja nicht unbedingt der Fall.

Ich bin so ein Mensch, der Sachen eher einfach mal testet. Die Personalabteilung war super und hat mir alles sehr geduldig erklärt. Außerdem hatte ich nochmal ein Vorbereitungstelefonat mit einem Berater, der auch Chemiker ist. Ich hab mich dann ein bisschen eingelesen, nochmal Kopfrechnen geübt und mir gezielt Situationen aus meinem Leben bewusst gemacht, mit denen ich Stärken, die in der Beratung gefragt werden, zeigen kann. Und ich habe noch eine Fallstudie geübt. Den Bewerbungstag habe ich als sehr angenehm empfunden. Ich hatte das Gefühl, dass tatsächlich sehr auf mich und meine Fähigkeiten eingegangen wurde und kein tiefes BWL-Wissen abgefragt wurde.


Den ganz klassischen Chemikerweg gibt es also gar nicht mehr so oft

Dr. Marthe Ketels, McKinsey


Wie viel Chemie steckt in Ihrem jetzigen Job?

Auf jeden Fall viel zwischenmenschliche Chemie! Ein Großteil unserer Arbeit besteht ja darin, direkt mit dem Klienten und in unseren Teams zu arbeiten. Da muss man immer viele Interessen balancieren und die sind nicht alle sachlicher Natur. Auch bei den Projekten, bei denen ich bisher gearbeitet habe, ist mir mein Grundlagenwissen indirekt zu Gute gekommen, da ich mir unter bestimmten Inhalten der Firma direkt etwas vorstellen konnte.

Haben Sie schon etwas wie einen Tätigkeitsschwerpunkt?

Einen persönlichen Schwerpunkt habe ich noch nicht. Der wird sich im Laufe der Zeit entwickeln. Bisher habe ich aber vor allem an Transformationsprogrammen gearbeitet und da besonders den Prozess unterstützt. Von der Branche her denke ich aber, dass ich der Chemie treu bleiben werde. Nur eben nicht als Chemikerin, sondern als Beraterin.

Was schätzen Sie besonders an Ihrem Job und Ihrem Arbeitgeber – vielleicht auch im Gegensatz zu einer alternativen Karriere in Industrie oder Forschung?

Besonders schätze ich, dass man überall Unterstützung bekommen kann und jeder bereit ist, Wissen zu teilen und Kollegen zu coachen. Außerdem finde ich es super, dass die Firma sich klare Werte gegeben hat und diese mehr als nur leere Worthülsen sind. McKinsey arbeitet aktiv daran, dass jeder diese Werte versteht und lebt.

Und wie sieht es mit den Kollegen aus?

Bevor ich gestartet habe, war ich ja skeptisch, ob ich in die Beratung passe. Ich kannte einige Klischees, die sich aber zum Glück bei keinem meiner Kollegen bewahrheitet haben Die Berater sind unglaublich vielfältig und interessant, und jeder wird in seinen Eigenheiten wertgeschätzt.

Wissen Sie, was Ihre früheren Kommilitonen heute so machen?

Ja, ich habe immer noch engen Kontakt mit meiner ersten Freundesgruppe. Die Wege sind sehr unterschiedlich: Einige sind noch in der Promotion, andere haben den klassischen Einstieg in der Industrie gewählt, eine macht die Weiterbildung zur Patentanwältin, eine ist zum Postdoc nach Amerika, eine ist in der Lebensmittelchemie gelandet. Den ganz klassischen Chemikerweg gibt es also gar nicht mehr so oft.


Dr. Marthe Ketels, McKinseyDr. Marthe Ketels, McKinsey
Marthe Ketels, 29, seit knapp zehn Jahren in München, ursprünglich aber Hamburgerin, studierte und promovierte in München mit Auslandsaufenthalten in Italien, China und am Massachusetts Institute of Technology (MIT). In ihrer Freizeit musiziert sie in Streichquartett und Orchester oder ist beim Wandern und Skifahren in den Bergen unterwegs. Marthe Ketels spricht fließend Plattdeutsch und ist immer noch HSV-Fan.