
„Führung ist eine Aktivität, kein Rang“
Nina Möller blickt auf rund 20 Jahre in der Unternehmensberatung und im Management zurück. Seit 2022 verantwortet sie das Deutschlandgeschäft der Implement Consulting Group. Im Gespräch erzählt sie, warum sie sich vom klassischen Bild des „Beraters im schwarzen Anzug“ nie angesprochen fühlte, was sie an der skandinavisch geprägten Beratungskultur schätzt und warum Führung für sie nichts mit Hierarchie zu tun hat. Außerdem geht es um die Frage, welche Fähigkeiten junge Consultants im Zeitalter der KI brauchen – und warum es manchmal sinnvoll sein kann, eine Aufgabe bewusst ohne KI zu lösen.
Nina, du bist nun seit fast 20 Jahren in der Unternehmensberatung tätig. Wenn du auf diese zwei Jahrzehnte zurückblickst: Wie hat sich das Consulting in dieser Zeit verändert und wie hat sich dein eigenes Verständnis von dem, was gute Beratung ausmacht, gewandelt?
Da hat sich in der Tat extrem viel getan, sowohl in der Branche allgemein als auch in Bezug auf die weibliche Komponente. Wenn ich an meine Anfänge zurückdenke – ich kam damals von der Münchner Rück und war für den Aufbau einer Krankenversicherung in Abu Dhabi tätig –, war die Welt noch eine andere. Der für mich gravierendste Unterschied heute ist die Professionalität auf der Kundenseite. Heute sitzen mir als Beraterin viel häufiger Menschen gegenüber, die selbst eine Vergangenheit in der Beratung haben. Das verändert die Dynamik massiv, denn diese Kunden wissen genau, wie Projektteams funktionieren, und sie stellen ganz andere, kritischere Fragen zur tatsächlichen Wirkung und zum Impact der Arbeit.
Was mein persönliches Rollenverständnis angeht: Ich bin mit sehr maskulinen Narrativen rund um das Thema Beratung aufgewachsen. Während meines Studiums an der WU Wien war das Bild klar gezeichnet: Die Männer gehen ins Private Equity oder in die Strategieberatung, die Frauen zieht es Richtung Fashion und Kosmetik zu Peek & Cloppenburg oder L’Oréal. Natürlich ist das überspitzt ausgedrückt, aber ich habe mich in keinem dieser Klischees wiedergefunden. Beratung war für mich damals das Bild des erfolgreichen Mannes im schwarzen Anzug, der gut im Cold Calling, im Small Talk und im Networking ist. Das war ein Konstrukt, das ich für mich nie auf dem Zettel hatte. Mein größter Aha-Moment war zu realisieren, wie bunt und vielfältig Beratung tatsächlich sein kann. Heute gibt es viel mehr weibliche Vorständinnen und Kundinnen, die gezielt den Austausch mit einer Frau suchen, um bestimmte Themen zu diskutieren. Die Reise weg von diesem starren Narrativ hin zu einer vielfältigen, wirkungsorientierten Partnerschaft ist für mich die prägendste Entwicklung.
Nach vielen Jahren bei anderen Beratungen bist du 2018 zur Implement Consulting Group gewechselt. Zu diesem Zeitpunkt warst du bereits Principalin. Was hat dich an Implement so gereizt, dass du dich für diesen Wechsel entschieden hast?
Ursprünglich wollte Implement in Deutschland eine Beratung übernehmen und in diesem Prozess habe ich das Unternehmen kennengelernt. Schließlich kam der Anruf, ob ich mir vorstellen könne, beim Aufbau dabei zu sein. Was mich sofort gepackt hat, war dieser extreme Grad an Autonomie. Wenn man das Headquarter in Kopenhagen betritt, spürt man sofort einen ganz besonderen Spirit, den man schwer beschreiben kann, wenn man ihn nicht selbst erlebt hat.
Zudem reizte mich die unternehmerische Aufgabe. Ich habe in meiner Karriere oft Aufbauarbeit geleistet – sei es in Abu Dhabi, wo wir von zehn auf über 1.000 Leute gewachsen sind, oder bei der Allianz im Inhouse Consulting. Die Vorstellung, dass eine dänische Beratung, die in ihrem Heimatmarkt die Nummer eins ist, nun auf dem größten europäischen Consulting-Markt in Deutschland als „Greenfield-Projekt“ organisch wachsen will, hat bei mir große Begeisterung ausgelöst. Wir haben hier zu sechst angefangen, unterstützt von ein paar dänischen Kollegen. Wir hatten zwar schon deutsche Kunden über unsere dänischen Büros, aber den Standort hier wirklich physisch aufzubauen, war genau die Herausforderung, die ich gesucht habe.
Wenn du Leidenschaft für ein Thema hast und es schaffst, „Followership“ zu kreieren, dann übernimmst du Führung, völlig unabhängig von deiner offiziellen Rolle oder deinem Rang
Nina Möller // Implement Consulting Group
Du hast bei Implement eine beeindruckende Reise hinter dir und verantwortest heute als Managing Director das Deutschlandgeschäft. Wie haben diese Erfahrungen deinen eigenen Führungsstil geprägt?
Bei uns gibt es ein zentrales Mantra: Leadership is an activity, not a rank. In vielen großen, etablierten Beratungen ist Führung eng an Hierarchien und Ränge geknüpft. Bei uns war Führung von Anfang an distribuiert. Wir folgen dem Prinzip „Unleash the potential of human beings“. Das bedeutet: Wenn du Leidenschaft für ein Thema hast und es schaffst, „Followership“ zu kreieren – sowohl intern als auch beim Kunden – dann übernimmst du Führung, völlig unabhängig von deiner offiziellen Rolle oder deinem Rang.
Ich selbst sehe mich immer noch in erster Linie als Beraterin; das ist mein Hauptberuf. Alle anderen Aufgaben als Managing Director sind zusätzliche „Hüte“, die ich aufhabe. Ich lebe dieses Distributed Leadership durch Vertrauen und Eigenverantwortung. Ein weiterer wichtiger Leitpfeiler für mich ist der Grundsatz: Be hard on the issue and tender-hearted with the people. Das bedeutet, dass wir keine Angst vor hartem, konstruktivem Feedback in der Sache haben, aber dabei immer die Empathie für den Menschen bewahren. Diese Kombination aus Ownership und menschlicher Wärme zeichnet unseren Führungsstil aus.
Wenn wir über Führung und Teams sprechen: Was erwartest du heute von Absolvent:innen, die bei euch einsteigen? Welche Fähigkeiten sind im Vergleich zu früher wichtiger geworden?
Natürlich sind AI-Literacy sowie Datenkompetenz und analytisches Denken heute wichtiger denn je. Aber darüber hinaus ist es vor allem die Fähigkeit zur Neugierde und Lernbereitschaft. Wir leben in einer Zeit, in der die Agilität des Geistes entscheidend ist. Man sagt, dass man im Zeitalter der KI im Laufe seines Lebens bis zu fünf völlig unterschiedliche Karrieren haben wird. Deshalb ist es wichtig, nicht mit einem zu fixierten Mindset – „Ich mache nur dieses eine Thema in dieser einen Box“ – einzusteigen.
Zudem sind Teamfähigkeit und Eigeninitiative bei uns essenziell, da wir mit sehr wenigen starren Regeln leben. Wir setzen auf den „Handschlag“ zwischen Erfahrung und der frischen Energie von der Universität. Es geht um gegenseitiges Zuhören und voneinander zu lernen.
Ein spannender Punkt ist die Ausbildung der Junioren. Durch KI fallen viele Standardaufgaben weg, bei denen man früher das Handwerk gelernt hat. Wie stellen wir sicher, dass Einsteiger:innen trotzdem die nötige Urteilsfähigkeit und kritisches Denken entwickeln?
Das ist tatsächlich eine der größten Fragen, die uns umtreibt. Wir setzen hier sehr stark auf frühe Projekterfahrung und Kundenkontakt. Früher war man als Junior oft monatelang die „Business-Case-Maschine“ im Hinterzimmer. Bei Implement gehen selbst Praktikanten sehr schnell mit zum Kunden, wenn es die Situation erlaubt. Wir schaffen ein „Safe Environment“, in dem sie durch Machen lernen können.
Interessanterweise führen wir auch Diskussionen darüber, wann man KI bewusst nicht einsetzen sollte. Ich habe neulich zwei neuen Kolleginnen geraten, eine Fokus-Interview-Auswertung ganz klassisch selbst zu machen, anstatt sie einer KI zu übergeben. Warum? Damit sie ein tiefes, analytisches Verständnis für die Materie entwickeln. Wir müssen aufpassen, dass wir KI nicht einfach nach dem Gießkannenprinzip über alles gießen, sonst verlieren wir die nächste Generation für das tiefere Verständnis unserer Arbeit.
Das klingt nach der Notwendigkeit von viel Präsenz und Austausch. Wie hat sich die Zusammenarbeit durch Remote-Work verändert?
Wer während Corona seine Karriere gestartet hat, kennt oft gar nicht die Magie, die entsteht, wenn Menschen gemeinsam in einem Kick-off oder einem Workshop vor Ort sind. Wir müssen hier Brücken bauen und aktiv erklären, was unsere „Moments that matter“ sind – also die Momente, in denen wir physisch zusammenkommen müssen, um schwierige Themen zu lösen. Wir investieren wahnsinnig viel in unsere Kultur. Alle 2.000 Mitarbeitende von Implement treffen sich mehrmals im Jahr. Es gibt das „Annual Cultural Reel“, bei dem wir intensiv an unserem Zusammenhalt arbeiten. Das ist kein Selbstzweck, sondern das Fundament unserer Arbeit.

Du hast den dänischen Ursprung erwähnt. Was bedeutet die skandinavische Beratungskultur konkret im Alltag?
Es ist ein sehr partnerschaftlicher Umgang, den auch die Kunden durch flachere Hierarchien spüren. Es gibt einen dänischen Pragmatismus, der aber nie zu Lasten der Qualität geht. Ein Kernpunkt ist der Vertrauensvorschuss. Im Deutschen sagen wir oft, man müsse sich Vertrauen erst verdienen; im Skandinavischen bekommt man es geschenkt, solange man es nicht missbraucht.
Wir sind nicht pyramidal organisiert, sondern in einer sogenannten „Apple Shape“. Das bedeutet viel Raum für Innovation in der Breite, ohne dass jeder Schritt von einer/m Seniorpartner:in abgenickt werden muss. Wir begegnen uns auf Augenhöhe. Jeder New Joiner bekommt eine „Coffee-Meeting-Liste“ und kann jedem im Unternehmen – auch mir – einfach einen Termin einstellen. Da gibt es oft Aha-Momente, wenn Leute mit einer anderen Beratungshistorie fragen: „Darf ich dir wirklich einfach so einen Termin schicken? Du bist doch Seniorpartnerin“. Meine Antwort ist dann immer: „Ich bin die Nina und ich bin deine Kollegin. Wir sehen nicht den Rang, wir sehen die Person“.
Ein weiteres Highlight unserer Kultur ist das Konzept „Choose your own leader“. Jedes Jahr sucht sich jeder Mitarbeitende seine Führungskraft selbst aus. Das zeigt, wie ernst wir unser anderes Führungsverständnis meinen.
Flexibilität ist für viele wichtig und wird eingefordert. Du bist selbst Mutter und sicher auch auf Flexibilität angewiesen. Wie lebt ihr das bei Implement?
Wir unterstützen Eltern sehr stark, zum Beispiel durch voll finanzierte Maternity- und Paternity-Leaves für einen gewissen Zeitraum. Aber Flexibilität ist bei uns kein reines Elternthema. Jeder Mensch hat ein unterschiedliches Lebenskonstrukt und braucht Autonomie. Wir sind ein High-Performance-Team – sonst könnten wir nicht so profitabel wachsen –, aber wie jemand seinen Tag gestaltet, ist ihm überlassen. Wenn jemand sagt, er müsse um 14 Uhr raus, setze sich aber abends nochmal hin, dann mischt sich da niemand ein.
Man muss aber auch ehrlich sein: Der deutsche Beratungsmarkt ist extrem dezentral. Unsere Kunden sitzen nicht nur in Berlin oder München. Reisen gehören dazu. Aber wir versuchen, Projekte so zu besetzen, dass sie zur jeweiligen Lebensphase passen – etwa indem wir schauen, dass jemand in einer sensiblen Phase eher ein Projekt in der Nähe bekommt. Transparenz ist mir da sehr wichtig.
Wenn du heute deinem jüngeren Ich einen Rat geben könntest, welcher wäre das?
Lass dich nicht von Narrativen oder fehlenden Rollenvorbildern blenden. Geh deinen eigenen Weg, wenn dich ein Thema passioniert. Und ganz wichtig: Such dir aktiv Sponsoren. Ich hatte in meiner Karriere oft Glück mit unausgesprochenen Sponsoren, die etwas in mir gesehen und mir Vertrauen geschenkt haben. Heute würde ich sagen: Es ist absolut okay und sogar notwendig, sich diesen Support aktiv zu suchen.
Und zuletzt: Hab den Mut, deiner Passion zu folgen, auch wenn der Weg mal holprig ist.

Nina Möller, Jahrgang 1982, ist Managing Partner der Implement Consulting Group Germany sowie Seniorpartnerin und Mitglied des Boards der Implement Consulting Group. Ihre Karriere begann Möller vor rund 20 Jahren in Abu Dhabi, wo sie am Aufbau der Daman – National Health Insurance Company beteiligt war. Anschließend wechselte sie nach Deutschland und startete bei Capgemini Consulting als Strategieberaterin. Bei der Allianz Deutschland AG war sie am Aufbau und der Weiterentwicklung des Inhouse Consulting beteiligt, bevor sie zu einer Managementberatung wechselte. 2018 gehörte Möller zu den ersten fünf Beraterinnen und Beratern von Implement in Deutschland. Seit 2022 verantwortet sie das Deutschlandgeschäft, das inzwischen rund 170 Mitarbeitende an drei Standorten umfasst. Möller studierte Handelswissenschaften an der Wirtschaftsuniversität Wien. Privat ist sie kulturell interessiert, reist gerne und ist – zu ihrer eigenen Überraschung – begeisterte Fußballmutter.