Finja Carolin Kütz, Deutschlandchefin von Oliver Wyman, im Interview

The Lady is a Boss! Finja Carolin Kütz, neue Deutschlandchefin von Oliver Wyman

The Lady is a Boss! Finja Carolin Kütz ist die Deutschlandchefin von Oliver Wyman und seit 1997 im Unternehmen tätig.

Fina Carolin Kütz im Interview mit Nicolai Haase im Herbst 2016 in München

Finja Carolin Kütz, 44 Jahre, ist seit Ende 2015 Deutschlandchefin der Managementberatung Oliver Wyman. In dieser Position wird sie sich insbesondere darauf fokussieren, das Beratungsgeschäft in Deutschland weiter auszubauen und das Profil von Oliver Wyman in der Öffentlichkeit zu schärfen. Denn, wie sie sagt: Oliver Wyman ist das bestgehütete Geheimnis der Industrie … noch.

Was macht denn Oliver Wyman anders als andere Unternehmensberatungen, da dort eine Frau an der Spitze sitzt?

Die Unternehmenskultur bei Oliver Wy­man ist sehr stark darauf ausgerichtet, bei jedem zu identifizieren, was die Stärken sind und wie man diese einbringen kann. Ich glaube, dass diese Kultur prinzipiell Frauen fördert, ohne dass es einer expliziten Frauenförderung bedarf. Der Umgang hier ist sehr wettbewerbs­orientiert, aber kollegial.

Ein Beispiel: Es gibt wie bei allen Unternehmensberatungen eine Beförderungsstufe zum Partner, zur Partnerin und ein Gremium, das über die Beförderungen entscheidet. Einmal diskutierten wir über eine Anwärterin und mir fiel auf, dass ihr Lebenslauf eine Lücke von einem Jahr aufwies. Ich brachte das zur Sprache und es stellte sich heraus, dass sie zu dieser Zeit im Mutterschutz war. Damit war das Thema auch erledigt und wurde nicht weiter diskutiert. Es ging dann wieder ums Sachliche und Fachliche und schließlich wurde die Frau befördert.


Nicht jeder, der lange genug bei Oliver Wyman ist, wird automatisch Partner, aber es spielt nie eine Rolle, ob man männlich oder weiblich ist.

Finja Carolin Kütz, 44 Jahre, Deutschlandchefin der Managementberatung Oliver Wyman


Zu Ihrer eigenen Karriere: Nach gut sechs Jahren Partnerin zu sein, das ist schnell, auch für ein Beratungsunternehmen.

Das ist auch für Oliver Wyman schnell. Nicht jeder, der lange genug bei Oliver Wyman ist, wird automatisch Partner, aber es spielt nie eine Rolle, ob man männlich oder weiblich ist. Natürlich gab es auch in meiner Karriere Situationen, in denen ich klar machen musste: “Ich will den Job!”, denn das war keine Grundannahme. Es gab kaum Erfahrungen mit Frauen, die Partnerin werden wollten. Aber als das geklärt war, wurde das Ganze sehr positiv gesehen und nur darauf geschaut: Was bringst du ein und wie nutzen wir das am besten.

 „Stellen Sie Männern die Frage auch?” Finja Carolin Kütz deckte auch während des Interviews Geschlechterklischees auf.

„Stellen Sie Männern die Frage auch?” Finja Carolin Kütz deckte auch während des Interviews mit Nicolai Haase Geschlechterklischees auf.

Sie sagten, Sie mussten durchaus klarstellen, dass Sie Partnerin werden wollten. Hatten Sie während dieser Zeit Unterstützung, vielleicht eine Art Mentor?

Ich hatte Mentoren und das, was ich Sponsoren nenne. Ein Mentor gibt kluge Ratschläge und ein Sponsor hat die Möglichkeit, auch Dinge durchzusetzen. Es werden Leute nicht nur befördert, weil sie besonders brillant sind, sondern weil da irgendwo oben eine Person ist, die sagt: Die brauchen wir hier, die will ich auf dem Job haben. Die Qualifikation ist die Grundvoraussetzung, aber dann geht es darum, auch Fürsprecher zu haben, die Bedarf sehen. Da kann ein Mentor in der Regel nicht helfen, sondern da braucht man einen Sponsor, der eine gewisse Macht hat und den Mut, Entscheidungen durchzusetzen.

Denken Sie, eine Frau an der Spitze zu haben, besitzt eine Art Signalwirkung? Wie hoch ist denn aktuell der Anteil von Frauen in Ihrem Unternehmen?

Aktuell sind 30 bis 45 Prozent der Neustarter weiblich, das variiert je nach Land. Das ist schon eine ordentliche Zahl, schwieriger gestaltet es sich aber, die Gesamtsumme an Partnerinnen graduell auszubauen. Hier versuchen wir, auf interne Lösungen zu setzen, und Beraterinnen aufzubauen, die bereits bei Oliver Wy­man sind. Es ist wichtig zu zeigen, dass man als Frau diese Posten erreichen kann. Bevor ich angefangen habe, das Deutschlandteam zu leiten, war ich mit der Leitung des Financial Service Team betraut und für das ganze deutschsprachige Europa zuständig. Da war ein Drittel der Partner Frauen. Plötzlich fingen die Beraterinnen an, laut darüber nachzudenken, dass sie Partnerinnen werden wollen. Ich hatte vorher nie gehört, dass junge Frauen das von sich aus als Karriereambition formulieren. Gleichzeigt fingen die Männer an: Ach, ich würde gerne drei Monate Vaterzeit nehmen. Super! Man braucht ja beides, um einen Ausgleich hinzubekommen. Insofern glaube ich, dass Vorbilder zu zeigen extrem wichtig ist. Das tun wir übrigens auch über unser Frauennetzwerk WOW – Women of Oliver Wyman.

Wie ist das bei Ihnen? Sie haben drei Kinder. Sie haben einen herausfordernden Job. Wie kriegen Sie das unter einen Hut?

Stellen Sie Männern die Frage auch? Glücklicherweise haben meine Kinder zwei Elternteile, die sich um sie kümmern. Wir teilen uns die Erziehung und haben eine Kinderfrau. Diese Vielzahl der Ansprechpartner tut den Kindern gut. Es gibt ein afrikanisches Sprichwort, was sagt: Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen. Insofern glaube ich, dass an der Stelle die verschiedenen Charaktere vorteilhaft für die Persönlichkeitsentwicklung sind.
Aber natürlich ist es jedesmal ein Einschnitt, wenn man ein Kind bekommen hat. Natürlich habe ich drei Mal ausgesetzt. Ich habe zwar immer eher kurz ausgesetzt, immer nur zwischen zwei und vier Monaten. Aber trotzdem merkt man, dass gewisse Dinge sich schneller und anders entwickelt hätten, wenn man nicht pausiert hätte. Oder dass man eine gewisse Flexibilität nicht mehr an den Tag legen kann.

Frauen stehen sich häufig noch selbst im Weg, ist oft zu hören. Wie sehen Sie das?

Neulich bin ich ins Flugzeug eingestiegen und vorne begrüßte uns eine Pilotin. Ich habe mich darüber gefreut und sagte ihr das. Aber es gibt Untersuchungen, dass gerade Frauen, wenn sie in ein Flugzeug einsteigen, sagen: Oh Gott, eine weibliche Pilotenstimme! Ob wir wohl heil ankommen. Die Erwartungshaltung ist: Da ist ein Mann im Cockpit, alles ist gut. Oder ein persönliches Beispiel: Die Wahrscheinlichkeit, dass ich auf einem Recruiting-Event für jemanden aus der Personalabteilung gehalten werden, ist wesentlich größer, als wenn da ein männlicher Partner steht. Weshalb ich dazu übergegangen bin, ein Namensschild zu tragen, wo nicht nur Oliver Wyman draufsteht, sondern mindestens auch Partnerin oder Geschäftsführerin. Denn die Studenten erwarten erstmal: Frauen sind Personaler, Männer sind Partner. Das sind sehr unbewusste Sachen, gegen die man einfach immer wieder arbeiten muss, damit das nicht zu einer Self­ful­fil­ling Pro­phe­cy wird.


Wir stehen für Spezialisierung. Unsere Kernbranchen sind Automobil und Maschinenbau, Transport, Energie, Handel, Financial Services und Pharma.

Finja Carolin Kütz, Oliver Wyman


Was erwartet Neueinsteiger bei Oliver Wyman? Können Sie etwas zu den Geschäftsfeldern des Unternehmens sagen?

Einsteiger können bei uns die industrielle Vielfalt haben oder sich fokussieren. Wir sind nicht in allen Industriezweigen aktiv, sondern stehen für Branchenexpertise. Die Kernbranchen sind Automobil und Maschinenbau, Transport, Energie, Handel, Financial Services und Pharma. Generell ist es so, dass Oliver Wyman sehr stark spezialisiert ist und darüber hinaus alle Mitarbeiter spezielle Expertise besitzen. Das Feedback, das von den Kunden kommt, ist: Ihre Leute können ja tatsächlich auf Augenhöhe mit uns reden oder da muss ich jetzt nicht nochmal alles erklären. Das führt natürlich dazu, dass wir wesentlich schneller eine ganz andere Form von Dialog führen können.


Unsere Marke gibt es erst seit knapp zehn Jahren – wir müssen noch unseren Bekanntheitsgrad stärken.

Finja Carolin Kütz, Oliver Wyman


Sie haben als Ziel für Ihr Unternehmen ausgegeben, zu den Top-drei-Strategieberatungen gehören zu wollen. Wie nah sind Sie denn an diesem Ziel?

Da keine internationale Managementberatung deutsche Zahlen veröffentlicht, ist es schwer zu sagen, ob wir Nummer drei oder vier sind. Ich denke, wir sind unserem Ziel sehr nah. Das ist aber nicht der Punkt. Für uns ist wichtig: Es gibt momentan zwei Platzhirsche und wir wollen aus der Gruppe dahinter klar als die Nummer drei gesehen werden. Da haben wir schon noch ein bisschen was zu tun. Das ist spannend. Oliver Wyman ist noch das bestgehütete Geheimnis der Industrie.

Wie meinen Sie das?

Gemessen an der Größe sind wir noch verhältnismäßig unbekannt. Oliver Wyman ist eine Marke, die es erst seit 2007 gibt. Das ist gemessen an der Konkurrenz noch richtig jung. Die Brands unserer Wettbewerber sind dagegen teilweise über 100 Jahre alt. Das ist die schwierige Seite unserer Historie. Wir sind zusammengewachsen aus vielen Marken und Unternehmen. Ich komme aus einem Teil, der hieß mal Oliver, Wyman & Company, dann war es Mercer, jetzt ist es Oliver Wyman. Entsprechend arbeiten wir zurzeit daran, Markenidentität und Bekanntheitsgrad zu stärken. Nicht nur gegenüber Kunden, sondern auch gegenüber Studenten, Absolventen und potenziellen Mitarbeitern, also gegenüber Ihren Lesern.

 


Finja Carolin Kütz, Oliver WymanFinja Carolin Kütz, Oliver Wyman
Finja Carolin Kütz ist seit Herbst 2015 Deutschlandchefin bei der Managementberatung Oliver Wyman. Sie verantwortet das Beratungsgeschäft für Deutschland und Österreich. Die studierte Mathematikerin ist Expertin für strategische Fragestellungen von Banken, der Bedeutung von Regulierung auf strategische Geschäftsmodelle sowie Governance, Compliance und Risikomanagement. Kütz hält einen Master of Science in Mathematics and Foundations of Computer Sciences der Oxford University sowie ein Diplom in Mathematik der Westfälischen Wilhelms Universität, Münster. Finja Carolin Kütz ist verheiratet und lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in München.