Als Exotin in die Beratung – ein Sprung ins kalte Wasser

Kirsten Staudt, SMC

Kirsten Staudt, SMC

Karriere als Geisteswissenschaftler bei Siemens Management Consulting

Kirsten Staudt ist das, was man eine typische Exotin in der Beratung nennt. Sie hat als Kulturwissenschaftlerin den Weg in die Consultingbranche gefunden. Wie das gekommen ist, erzählt die 30-jährige selbst.

Es war bei einer Werksbesichtigung der Siemens-Lokomotivfabrik im Münchner Norden, als ich fast gezwungen wurde, Farbe zu bekennen: „Kauffrau oder Ingenieurin?“, fragte der Werksleiter zu Beginn der Tour und blinzelte mir zu. „Keine Ingenieurin“, antwortete ich wahrheitsgemäß. Die Ergänzung, dass ich genauso wenig Kauffrau bin, sondern Kulturwissenschaftlerin, habe ich mir gespart. Das hätte wohl zu einigen erstaunten Gesichtern geführt und weitere Erläuterungen erfordert.

Ich habe Französische Kulturwissenschaft und Interkulturelle Kommunikation in Saarbrücken studiert, dazu im Nebenfach Informations- und Rechtswissenschaft. Ein Jahr verbrachte ich am renommierten Institut d’Études Politiques     („Sciences Po“) in Paris. Ausschlaggebend für meine Wahl waren eine ausgeprägte Frankophilie, ein großes Interesse für politikwissenschaftliche Zusammenhänge und eine Leidenschaft für das  Interdisziplinäre.


Es macht Spaß, mit schlauen Köpfen über strategischen Fragestellungen zu brüten.

Kirsten Staudt, SMC


Der Weg von dieser Studienkombination in die strategische Beratung führte über ein Wirtschaftskontaktseminar der Studienstiftung des deutschen Volkes im Frühjahr 2007, als ich mitten in der Arbeit an meiner Magisterarbeit steckte. Damals war mir noch nicht klar, dass ich in die Beratung wollte. Vielmehr nutzte ich die Gelegenheit, das Terrain zu sondieren, zu einem Zeitpunkt, als meine Interessen zwischen freier Wirtschaft, Wissenschaft und Internationalen Beziehungen schwankten.

Dann kam der Workshop: Ich erlebte, dass es sehr viel Spaß macht, mit mehreren schlauen Köpfen über einer strategischen Fragestellung zu brüten. Und dass dabei wirklich Teamarbeit im besten Sinne zustande kommen kann – bei einer klaren Aufgabenverteilung und viel Engagement von allen Seiten. Deshalb freute ich mich, als ich nach dem Workshop eine Einladung zum Vorstellungsgespräch bei Siemens Management Consulting (SMC) bekam – und drei Monate, sieben Interviews und ein Mittagessen später ein Angebot in den Händen hielt.

Als sogenannter Exot in die Beratung, das war anfangs ein Sprung ins kalte Wasser: Ich musste mich in die beratungsspezifische Denk- und Arbeitsweise einarbeiten und im Projektablauf zurechtfinden. Als Neueinsteiger half mir zunächst das einwöchige Basistraining, einen Überblick zu gewinnen und die Kollegen kennenzulernen. Es folgten kontinuierlich weitere Schulungen, wie beispielsweise Präsentations- und Moderationstraining, Projektmanagement oder die Vermittlung von Soft Skills.

Die kulturellen Unterschiede bei der Arbeit zu erleben ist sehr spannend. 

Kirsten Staudt, SMC


Vor einiger Zeit führte mich die Projektarbeit für mehrere Monate nach Mumbai, Indien. Unser deutsch-indisches Team unterstützte den Aufbau einer Abteilung, die vor Ort im Bahnbereich Projekte konzipiert und durchführt. Unsere Aufgabe umfasste viele Aspekte: Die Durchführung von Marktanalysen, um die technischen Erfordernisse und die Preisvorgaben, aber auch die Eintrittsbarrieren und die Wettbewerbssituation in den einzelnen Ländern zu ermitteln. Intern musste erhoben werden: Welche Qualifikationen brauchen unsere Mitarbeiter, über welche verfügen sie bereits, wer muss eingestellt, geschult werden? Welche Kompetenzen muss das Stammhaus in Deutschland bereitstellen? Welche rechtlichen Vorgaben sind zu beachten? Neben dem fachlichen Aspekt war es besonders spannend, die kulturellen Unterschiede bei der Arbeit zu erleben. Bis heute hat mich die Projektarbeit auch in viele andere Länder geführt: nach China, in die USA und quer durch Europa.

Mittlerweile bin ich Projektleiterin und neben dem Projektgeschäft auch in Recruitingaktivitäten involviert: Ich finde es spannend, mich mit den Kandidaten auseinanderzusetzen, ihre Motivation zu ergründen. Dabei treffe ich unterschiedliche Menschen mit ihren verschiedenen Werdegängen.

Momentan lerne ich in ganz anderem Sinne: Seit vergangenem Jahr habe ich einen „Leave of absence“ angetreten, um meine Dissertation zu schreiben. Das heißt, mein Arbeitsvertrag ruht, ich werde von SMC weiterhin unterstützt, arbeite aber Vollzeit an meiner Doktorarbeit. Diese dreht sich um Erinnerungskultur und Geschichtspolitik – also ein Thema aus meinem ursprünglichen Studienbereich. Jetzt genieße ich es, wieder an einer kulturwissenschaftlichen Fragestellung zu tüfteln. Bei den Interviews und Auswertungen hilft mir meine Beratungserfahrung.

Situationen wie die in der Lokomotivfabrik sind mir jedenfalls schon lange nicht mehr begegnet. Spätestens nach einem halben Dutzend Projekten greift man ohnehin mehr auf seine Projekterfahrungen zurück, um seine Kompetenz zu unterstreichen, als auf sein Studienfach.

Wenn dann mal bei einem gemeinsamen Abendessen doch die Frage nach der Studienrichtung fällt, sage ich ganz unbefangen: „Ich bin Kulturwissenschaftler.“ „Ach?“, fragen die Kunden meistens zurück, „das ist ja interessant. Erzählen Sie mal.“ Und ich habe einen Aufhänger für eine nette Anekdote.


Kirsten Staudt, 30, studierte Französische Kulturwissenschaft und Interkulturelle Kommunikation in Saarbrücken. Die Projektleiterin von Siemens Management Consulting befindet sich derzeit im Leave of Absence, um an ihrer Promotion zu arbeiten.